Wie geht es jetzt weiter mit und nach Covid-19 – auch wirtschaftlich?

Beim Schreiben kann ich am besten denken… Ich wollte mich damit beschäftigen, was das alles für uns persönlich und für die Firmen bedeutet, mit denen ich auf die eine oder andere Weise verbunden bin. Also mal sehen was dabei herausgekommen ist…

Vorbemerkung: Alles was hier folgt sind Annahmen und Vorhersagen, die zwar auf fundierten, aktuellen Ausgangsdaten und (hoffentlich) klugem Nachdenken beruhen, aber eben die Zukunft betreffen – und somit so oder auch ganz anders eintreffen könnten. Ganz ehrlich, mir wäre es lieber, wenn das alles nicht so schlimm kommt, wie im Folgenden beschrieben. Aber Pessimismus ist angebracht.

1. Intro

Einige Details über den weiteren Verlauf der Dinge aus dem Artikel “How does the coronavirus outbreak end?”, sorry nur auf Englisch:

  • Containment has failed. This virus will spread.
  • We do not know the death rate, but it’s clearly higher than the flu.
  • Infections hard to track, because up to 20% (and almost all children) don’t show any symptoms.
  • It’s “plausible” that 20 to 60 percent of adults (worldwide) will catch the disease. (If this comes to pass, while being bad, it’s not apocalyptic: Most cases of Covid-19 are mild. But it does mean millions could die.)
  • If the virus cannot be contained, the only way for this to get under control is for 50 percent of people to become immune to it. Essentially it creates its own herd immunity. But that’s after causing billions of worldwide infections.
  • The worst-case scenario for the outbreak is if there are sudden spikes in infections among many communities across the country. A spike could overwhelm our health care system.
  • If we slow it so that infections happen over 10 or 12 months instead of over one month, that’s going to make a big difference as far as how many people seriously infected, how many people may end up hospitalized, and how many they end up dying.
  • We talk about it as ‘flattening the epidemic curve’ — so that it’s not a big, sudden peak in cases, but it’s a more moderate plateau over time.
  • Health officials are now asking community groups to cancel events that bring together more than 10 people, and are recommending that people telework if they can. Pregnant people, people older than 60, and those who have underlying health conditions are being asked to stay home.
  • More states and communities may have to impose such measures in the coming weeks. So be prepared for them.

2. Mit welchen Ereignissen müssen wir rechnen?

Ich schätze, dass es über das ganze Jahr 2020 hinweg und auch danach mehrere Wellen von größeren Ausbrüchen geben wird (mit sehr schnellem Anwachsen der Infizierten) und wenn es schlecht läuft, dann passieren diese Wellen auch noch in mehreren geografischen Bereichen gleichzeitig. Die aktuelle Entwicklung in Europa und USA deutet darauf hin, dass zumindest diese erste Welle im “Westen” in mehreren Ländern gleichzeitig passieren wird. Das ist schlecht. Und danach werden weitere Wellen kommen (ähnlich der alljährlichen Grippesaison), bis große Teile der Bevölkerung den Virus gehabt haben und immun sind (ein Impfstoff steht frühestens in 12-18 Monaten zur Verfügung).

Die jeweiligen betroffenen Regionen werden zunächst zaghaft, dann – nach mindestens einem “Oh, Shit!”-Moment) massiv eingreifen müssen um das exponentielle Wachstum der Fälle abzuflachen, damit die Gesundheitssysteme nicht komplett zusammenbrechen. So wie wir das in China, Südkorea und Italien schon gesehen haben. Wobei es immer nur darum geht, die Verbreitung aus zu bremsen, verhindern können wir sie nicht.

Epidemiologe Marc Lipsitch sagt, dass 60% aller Menschen den Virus bekommen werden über 1-2 Jahre (erst dann stoppt die entstandene Herdenimmunität die Ausbreitung). Bei einer Todesrate von 1-2% sprechen wir also in Deutschland von 500.000 bis 1 Mio Opfern (1-2% von 60% von 80 Mio). Um das einzuordnen: die normale Anzahl von Sterbefällen in Deutschland liegt bei 950.000 pro Jahr. Weltweit reden wir von von 50-100 Mio Opfern. Mit einem Impfstoff oder einem passenden Medikament können wir das evtl. noch verbessern, aber ansonsten werden wir der Ausbreitung machtlos zusehen müssen.

Die meisten Opfer werden kranke und insbesondere alte Menschen sein (das Durchschnittsalter der Toten in Italien ist bisher 81 Jahre). Kinder sind dagegen fast nie betroffen.

3. Welche wirtschaftlichen Folgen werden kommen?

Auch wenn für individuelle Gefahr durch den Virus für den Einzelnen sehr gering ist (insbesondere für gesunde, nicht-alte Menschen) ist das Vertrauen in die Zukunft erstmal dahin. Wo war mein Gegenüber gestern? Trägt er den Virus mit sich? Könnte ich dann zu Hause Oma anstecken? Wenn ich irgendwo hinreise, könnte ich in einen “Lockdown” geraten und festsitzen? Ist die Firma, die ich heute beauftrage, in 4 Wochen noch da?

Ein paar Ideen was kommen wird (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Weil Kinder ohne jegliche Symptome zu zeigen den Virus haben und übertragen können, werden regional Schulen, Kitas und Unis geschlossen werden (für 2-3 Wochen oder mehr). Dies hat Folgen für die Eltern und deren Arbeitgeber.
  • Reisen, Tourismus und Konferenzen werden in großem Rahmen (und immer wieder!) zum Erliegen kommen.
  • Hotels, Restaurants, Taxis, Ubers, AirBnB sind keine guten Geschäftsmodelle für diese Phase.
  • Die Staaten werden z.B. ihre Fluglinien retten müssen, usw.
  • Insgesamt werden viele Forderungen nach staatlichem Eingriff/Ausgleich entstehen in allen möglichen Bereichen.
  • Ausbrüche in Altenheimen werden zu Horror-Stories.
  • Bis spätestens April wird es in mehreren Hotspots auf der Welt zu unansehnlichen Überlastungen der Krankenhäuser kommen.

Wenn es zu “Lockdowns” kommt…

  • … werden Firmen in Schieflagen kommen, einige wird es umhauen
  • … werden Lieferketten beschädigt und die nachgelagerten Unternehmen ebenfalls große Probleme bekommen (egal wo auf der Welt die sind)
  • (von den tragischen Wirkungen auf die Mitarbeiter, die kein Einkommen bekommen, mal ganz abgesehen)

4. Wer sind die Gewinner und Verlierer?

Es folgt eine (unvollständige) Liste der Branchen und Wirtschaftsbereiche, die ich als Gewinner und als Verlierer dieser Krise einschätze (abgesehen davon, dass wir alle sowieso Verlierer sein werden). Auch wieder: ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Verlierer

  • Wir alle: Die Wirkung der abzusehenden Wirtschaftskrise wird alle betreffen. Es wird in vielen Bereichen und Regionen Rezessionen (oder schlimmer) geben. Transaktionen werden ausfallen oder nach hinten verschoben, weil sich Anbieter/Käufer nicht treffen, egal ob im Büro oder auf einer ausgefallenen Messe/Konferenz
  • Firmen, deren Business darauf beruht, dass sich Menschen treffen und begegnen, egal ob es sich dabei um Mitarbeiter oder Kunden handelt
  • Firmen, deren Vertrieb auf menschlicher Begegnung beruht (“Vertriebler”)
  • Firmen, die nicht profitabel sind und Kapital verbrauchen (“Burn rate”) werden Probleme haben bei der nächsten Finanzierungsrunde (mangelndes Vertrauen)
  • Firmen, die Investitionsgüter verkaufen (mangelndes Vertrauen in Zukunft)
  • Firmen, die Geschäftsausfälle wegen “Nachfrage-Mangel” haben werden
    • Events (Sport, Olympia, Europameisterschaft, Messen, Kongresse, Konzerte)
    • Restaurants, Theater, Kinos
    • Tourismus (Hotels, Reiseveranstalter und Reisebüros, Kreuzfahrten, und die vielen kleinen Firmen an den Reise-Zielen, die von den Touristen leben)
    • Reisen (Fluggesellschaften, Flughäfen, Taxis, Uber, AirBnB)
    • Logistik (Container, Bahn, Strassentransport)
  • Firmen, die Geschäftsausfälle wegen “Nachschub-Mangel” haben werden
    • wenn eine Firma nicht liefern kann, weil die vorgelagerten Lieferanten nicht liefern

Gewinner

  • Dienstleistungen, die Menschen nutzen, wenn sie zu Hause sind und Zeit haben (z.B. Netflix, Prime, Twitch, Spotify, Online-Gaming, usw.)
  • Dienstleistungen, die Heimarbeit und “Remote-Work” ermöglichen (z.B. Zoom, Slack, Teams, usw.)
  • Online-Shopping und Online-Supermärkte, zumindest solange die Logistiker rumfahren dürfen (z.B. Amazon, Deliveryhero, Lieferando, Rewe, etc.)
  • Firmen, die ein “low-touch” Sales- und Transaktions-Modell haben, das ohne Interaktion von Menschen auskommt (Online- und Telefonverkauf vs. Vertreter/Vertriebsleute)
  • Firmen, die ihre Arbeit großteilig ins Home-Office verlagern können (bei Lockdowns, oder wenn die (Schul-)Kinder zu Hause bleiben müssen oder zum Schutz der Mitarbeiter)
  • Firmen mit einem vorher sehr profitablen Geschäftsmodell oder mit schnell anpassbaren Kosten-Strukturen oder einem gut gefüllten Rücklagen-Konto
  • Firmen, die Produkte anbieten, die vermehrt bestellt werden, weil die Mitarbeiter von zu Hause andere Dinge tun als im Office (z.B. technische Infrastruktur aufräumen oder andere Dinge, die sonst auch schon ewig nicht angegangen wurden)

5. Mittelfristige Wirkungen

OK, jetzt wird’s noch schwieriger: Was sind die möglichen mittel- bis langfristigen Folgen der Corona-Krise?

  • Die Bedeutung von Gen-Technik wird neu bewertet werden (noch nie wurde ein Virus so schnell entschlüsselt wie Sars-CoV2)
  • Die Bedeutung der internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit Transparenz und Austausch wird klarer werden
  • Firmen werden ihre Lieferketten überdenken, verkürzen und Abhängigkeiten von einzelnen Lokationen abbauen (z.B. nicht nur in China sondern auch woanders Lieferanten suchen, ggf. sogar “zu Hause” oder selber machen), um von Problemen in einzelnen Wirtschaftszonen weniger abhängig zu sein (“cheap may not be the only decision making factor when outsourcing”)
  • Ähnliches gilt für die Versorgung mit z.B. Lebensmitteln, kann man dabei auch lokaler denken?
  • Sowieso schon “angezählte” Gesundheitssystems (USA!) könnten einen “Komplett-Reset” erleben
  • Wir werden durch ein riesiges Experiment besser verstehen lernen, ob Dienstreisen und Konferenzen in großem Umfang durch Online-Meetings ersetzt werden können und für wen Work-from-home eine gute Sache ist (“Remote Everything”)

6. Langfristige Folgen

Zur langfristigen Perspektive gibt es viele Meinungen…

Ray Dalio schreibt dazu:

“Reactions to the virus (e.g., “social distancing”) will probably cause a big short-term economic decline followed by a rebound, which probably will not leave a big sustained economic impact. The fact of the matter is that history has shown that even big death tolls have been much bigger emotional affairs than sustained economic and market affairs. My look into the Spanish flu case, which I’m treating as our worst-case scenario, conveys this view; so do the other cases.”

Venture Capitalist Fred Wilson schreibt dazu:

“If you have a business that is not dependent on the capital markets because you are profitable and/or have a very strong balance sheet, then this environment could be an opportunity to play offense.”

Am Ende wird diese Krise uns alle stärker machen, nach Ray Dalio’s elegant formula: “pain + reflection = progress”.

und: HÄNDE WASCHEN!

Links

Was andere sich so zusammenreimen:

Author: Dirk Paessler

Founder and Chairman, Paessler AG; Founder and Executive, Carbon Drawdown Initiative

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