Zahlenspiel: Was passiert mit Covid-19 in Deutschland in den nächsten 2-3 Monaten?

Es ist Mittwoch, 18.3.2020, 5 Uhr. In Deutschland werden wir heute den 10.000-ten Covid-19 Fall finden. Alle 3-4 Tage verdoppelt sich diese Zahl. Wie geht das weiter?

Nachdem ich den Start der Schulschliessungen und den Beginn der Einschränkungen des öffentlichen Lebens schon korrekt “vorhergesagt” habe – jeweils basierend auf den aktuellen Zahlen und der Beobachtung unserer Nachbarn – versuche ich mich im Folgenden an ein paar weiteren Vorhersagen – vielleicht hab’ ich ja weiter Propheten-Glück?

DISCLAIMER: Ich bin nur ein Amateur-Futurist im Home-Office, kein Experte für Epidemiologie, Virologie, Gesellschaftsrecht oder ähnliches. Also bitte das Folgende immer mit Vorsicht genießen. Mir helfen die folgenden Überlegungen auf jeden Fall, mich innerlich auf das einzustellen, was da kommt – vielleicht hilft es Euch ja auch.

Kurzzusammenfassung

Im Folgenden komme ich zu den folgenden Ergebnissen:

  1. Wir werden bis Ende der Woche ähnlich ausgeprägte Ausgangssperren haben müssen wie unsere Nachbarn
  2. Danach wird die Anzahl der Covid-19 Fälle noch mindestens 7-10 Tage weiter exponentiell ansteigen, erst dann wird sich das Wachstum abflachen
  3. Die Krankenhäusern erleben den Peak der ersten Patienten-Welle Mitte April bis Anfang Mai, die Intensivstationen werden überfordert sein
  4. In dieser optimistischen Version könnten wir Mitte/Ende April den Lockdown lockern.
  5. Und dann kommt im Sommer die nächste Welle, und wieder und wieder. Bis wir einen Impfstoff haben. Oder bis wir millionen-fache Covid-19-Tests machen.
  6. Jeder der behauptet, er wüsste was hier bei uns in 2-3 Monaten oder in einem halben Jahr los ist, hat sich das Ausmaß an Unwägbarkeiten nicht genau genug angeschaut.

1. Ausgangssperren bis zum Wochenende

Unsere Nachbarn (u.a. IT, FR, ES, AT, BE) haben alle nur wenige Tage nach dem Start von Maßnahmen zur Einschränkung des öffentlichen Lebens nochmals eine drastische Verschärfung vorgenommen – weil einfach zu viele Menschen sich nicht freiwillig auf das Abstandhalten eingelassen haben. Deutschland bleibt auch weiterhin das Land, das hinterhinkt, wahrscheinlich wegen unserer föderalen Struktur.

Im entsprechenden Erlass der Österreicher von vorgestern steht da zum Beispiel: “Zur Verhinderung der Verbreitung von Covid-19 ist das Betreten öffentlicher Orte verboten”. Und dann kommen wenige Ausnahmen wie Einkaufen, Arbeitsweg, Gefahrenabwendung und Hilfe für Hilfsbedürftige. Spazieren gehen darf man, aber nur alleine, mit Haustier oder mit Menschen aus dem eigenen Haushalt. Sowas ähnliches wird wohl in Deutschland auch kommen.

2. Die Zahl der Covid-19 Infektionen steigt danach noch fast eine Woche weiter exponentiell an

In Italien ist die Anzahl der Neuinfektionen jetzt seit 3 Tagen fast konstant und steigt nicht mehr an. Endlich! Das wäre also 7-10 Tage nach dem Beginn des nationalen Lockdown am 8. März:

Quelle: https://ourworldindata.org/coronavirus

Aktuell haben wir also ca. 1200 Neuinfektionen pro Tag. Nehmen wir an uns gelingt ähnliches wie Italien und wir bremsen bei den Neuinfektionen endlich am 29.3.2020. Wo sind wir dann in Deutschland? Meine (Amateur-)Schätzung sagt: Bei 26.000 Neuinfektionen am Tag. Diese Zahl halte ich noch für relativ belastbar.

Achtung, jetzt wird es ungenau: Wenn wir nach dem Durchschreiten des “Peaks” von einem Absinken der Neuinfektionen von 20% von Tag zu Tag ausgehen (optimistisch geraten!), hätten wir bis Mitte April ca. 320.000 bestätigte Fälle gehabt.

320.000 klingt nach nicht viel und bei 81% der Patienten ist nach 2 Wochen auch alles vorbei. Aber…

Die Krankenhäusern erleben den Peak der ersten Patienten-Welle Mitte April bis Anfang Mai

Fast 20% der Infektionen nehmen einen ernsten Verlauf, der nach 5-6 Tagen einen Krankenhausaufenthalt nötig macht, 5% der Fälle benötigen intensivmedizinischen Hilfe für 5-6 Wochen und 1-2% der Patienten sterben am Ende. Durch den langen Verlauf der ernsten Fälle sind da also viele gleichzeitig im Krankenhaus.

Wenn man diesen Verlauf in die Daten reinspielt, sieht das so aus:

In der Spitze wären in meinem sehr simplen Modell ca. 75.000 Menschen gleichzeitig im Krankenhaus, davon ca. 15.000 auf Intensivstationen. Wir haben nur 24.000 Intensivbetten in Deutschland, die im Normalbetrieb sowieso schon größtenteils schon genutzt werden. Das wird also mehr als eng. Und meine Vorhersage hat eine Menge Unwägbarkeiten.

In dieser relativ optimistischen Version könnten wir Mitte/Ende April den Lockdown lockern.

Wie man sieht sind aber dann nur 350.000 Menschen “genesen” und damit immun. Selbst wenn die echte Anzahl der Menschen, die den Virus ungetestet erfolgreich (und oft symptomfrei) durchgemacht hat, 10 mal so hoch liegt (dafür gibt es diverse Hinweise), hätten wir gerade mal 4 Millionen immune Menschen von 80 Mio Einwohnern.

Die zweite Welle kommt im Sommer

Das heißt, wir sind noch lange nicht durch Herdenimmunität geschützt (>50% nötig) – und die nächste Infektions-Welle kommt im Sommer, 2-3 Monate nachdem wir die Kontaktbeschränkungen wieder aufheben.

Dass es mehrere Wellen geben wird, und dass wir diese Wellen mehrfach durch Kontaktvermeidung eindämmen müssen sagt auch die WHO-Studie vom 16.3.2020 aus. Es könnte also sein, dass wir – zumindest regional, evtl. aber auch national – noch mehrfach durch Lockdowns durch müssen bis wir einen Impfstoff oder gute Medikamente haben.

Wir brauchen VIEL mehr Tests!

Oder wir schaffen es ständig so viele Menschen zu testen, dass wir die meisten Infizierten tatsächlich frühzeitig erkennen und erfolgreich für 2-3 Wochen isolieren können – das wäre das Süd-Koreanische Modell, die haben das Bremsen ohne Lockdown geschafft.

Das mit “mehr testen” sagt auch die WHO und damit sind wohl nicht nur die USA gemeint. Aber das bedeutet Millionen von Tests, eine Mega-Herausforderung!

Jeder der behauptet, er wüsste was hier bei uns in 2-3 Monaten oder in einem halben Jahr los ist, hat sich das Ausmaß an Unwägbarkeiten nicht genau genug angeschaut.

Mögliche Fehler/Fehlannahmen in meinen Zahlen

Ich gehe von den Zahlen der WHO aus und “dichte” dann meine Version der Zukunft dazu. Bis etwa zum 29.3. dürften die Zahlen belastbar sein, dann wird es stetig ungenauer.

In den o.g. Zahlen sind außerdem mindestens die folgenden Unwägbarkeiten drin:

  • Sind die Prozentzahlen der Verläufe richtig? Ob diese Prozentzahlen bezogen auf die “Fallzahlen” vom RKI auch in Deutschland so eintreten ist m.E. unklar, wir testen nur “anlassbezogen” (in Italien wird z.B. jeder Tote getestet, dadurch finden die viel mehr Covid-19-Todesfälle als wir). Die bisherige sehr niedrige Todesrate der bestätigten Erkrankungen in den offiziellen Zahlen deutet doch sehr darauf hin. Was im Umkehrschluss heißt, dass wir in Deutschland noch viel mehr tatsächliche Erkrankungen haben, als die o.g. Zahlen aussagen.
  • Sinkt die Anzahl der Infektionen tatsächlich so schnell nach dem Durchlaufen des Peaks (20% weniger Neuinfektionen jeden Tag)? Wenn das nicht stimmt, geht die Welle nach viel länger.

Author: Dirk Paessler

Founder and Chairman, Paessler AG; Founder and Executive, Carbon Drawdown Initiative

2 thoughts on “Zahlenspiel: Was passiert mit Covid-19 in Deutschland in den nächsten 2-3 Monaten?”

  1. Vielen Dank für die gute Analyse. Wie siehst du die Entwicklungen außerhalb Deutschlands? Wird die USA deiner Meinung nach die gleichen Phasen durchlaufen müssen? Aus China hört man zumindest von einer allmählichen Normalisierung der Lage. Auch hier müsste es ja aber zu einer weiteren Welle kommen.

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