Zur Diskussion: Meine Arbeitshypothese für den weiteren Verlauf von 2020

Ich möchte Euch gerne meine aktuelle Arbeitshypothese für den weiteren Verlauf von 2020 zur Diskussion stellen.

Ich bin kein Zukunft-Forscher oder Seher. Was folgt ist das Ergebnis von viel Beschäftigung mit Covid-19 und ich kann auch komplett daneben liegen (bisher waren meine Gedanken aber durchaus auch schon zutreffend, hier und hier). Es sind viele Annahmen über den Verlauf der Ereignisse, die jeweils ständig zu aktualisieren sind und ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu verstehen sind.

Ich brauche sowas, um in meinem Kopf mehr Klarheit zu bekommen 🙂 Und ich würde gerne hören, was Ihr darüber denkt!

Also los:

  • In (fast) allen Ländern kommt es zu Italien/Frankreich-ähnlichen “Lockdowns”, einige Länder vermasseln das aber und leiden dadurch viel mehr als andere. Das wird örtlich richtig schlimm.
  • In Deutschland bekommen wir das in den Kliniken in den meisten Regionen noch irgendwie hin, aber auch nicht ohne Blessuren
  • Lockdown-Dauer ist jeweils 4-6 Wochen, evtl. auch 8 Wochen, dann langsame Lockerung (man will nicht sofort eine zweite Welle starten)
  • Viele Einschränkungen im öffentlichen Leben bleiben aber das ganz Jahr über bestehen (Schulen öffnen erst wieder im Herbst?)
  • Ende März beweist uns Italien, dass ein Lockdown tatsächlich die Anzahl der Neuinfektionen absenken kann 
  • Das ist der Schlüsselmoment! WENN das Absinken in Italien ab ca. 24.3. NICHT stark genug eintritt, können wir alles weiter unten vergessen, dann sind wir fu*ed
  • Social Distancing und Home-Office (wo möglich) wird die Regel bleiben (“We don’t return to normal”)
  • Im April rauscht in vielen westlichen Ländern die erste Welle der Intensivpatienten durch die Krankenhäuser, es wird dabei regional deutliche Überlastungen des Gesundheitssystems geben 
  • 10% der Infektionen müssen ins Krankenhaus, 3% sind Intensivpatienten, 1% der Infizierten stirbt (=99% davon sind alte Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen)
  • Bis Ende Mai könnten 5 Mio in DE das Virus bekommen haben, und 50.000 Patienten werden das nicht überleben (Zum Vergleich: normalerweise sterben in DE ca. 80.000 Menschen pro Monat, das wären also 30% mehr Sterbefälle in 2 Monaten).
  • Ab Mai stehen zunehmend Schnelltest/Heimtests auf Antikörper (“bin ich immun?”) und auf Viren (“Bin ich ansteckend?”) zur Verfügung, Produktion wird umgehend weltweit WWII-Mobilisierung-mäßig hochgefahren
  • Mit dem massiven Hochfahren von Tests können Infizierte schneller gefunden werden und gezielt isoliert werden, auch mit hohem digitalen Aufwand
  • Irgendwann in den nächsten Monaten findet ein findiger Arzt ein Medikament, das den Covid-19-Krankheitsverlauf bremst, die Krankenhaus/Sterberaten gehen deutlich runter
  • Im Sommer (Juli/August) kommt fast überall eine zweite Welle, die wg. Klinik-Überlastung regional wieder zu Lockdowns führen könnte, je nachdem wie gut Testen&Isolieren bis dahin schon klappt 
  • Tourismus, Hotellerie, Gastronomie (ohne Homedelivery), Reisen, Events sind mindestens bis Herbst praktisch tot, eher länger, die Ferien/Reisesaison fällt 2020 komplett aus
  • Im Herbst/Winter haben wir Impfstoffe gefunden, doch trotz weltweiter “kriegs-ähnlicher” Produktion dauert es viele Monate, bis genügend Milliarden Menschen für “Herdenimmunität” geimpft sind
  • Bis dahin erneute regionale Ausbrüche, solange bleiben viele Einschränkungen/Behinderungen (z.B. bei Reisen) weltweit bestehen

Damit könnte man ab Mai wieder mit einer annähernden Rückkehr der Industrie/Wirtschafts-Produktion weltweit auf vorherigen Level nachdenken (“V-Shaped Crash”), aber je nach Industrie/Geschäftsmodell mit den Abstrichen durch

  • weiterbestehende Kontaktsperren/Reisesperren und lokale neue Ausbrüche
  • Nachfragemangel (fehlendes Vertrauen => Verschiebung von Investitionen, privat wie geschäftlich)
  • Auswirkungen durch Ausfall ganzer Branchen (Travel, Retail, Events) und Problemen im Finanzbereich
  • Vorsicht von Konsumenten&Firmen wegen Erwartung weiterer Epidemie-Wellen
  • Folgeschäden durch Entlassungswellen

Feedback Welcome, z.B. auf Twitter @dpaessler.

Author: Dirk Paessler

Founder and Chairman, Paessler AG; Founder and Executive, Carbon Drawdown Initiative

5 thoughts on “Zur Diskussion: Meine Arbeitshypothese für den weiteren Verlauf von 2020”

  1. Hallo Dirk, das klingt zwar apokalyptisch ist aber aus meiner Perspektive nicht unmöglich. Wie passt die aktuelle Situation in den Ursprungsgebieten in dein Bild. Ähnliche Tendenzen müsste man ja schon erkennen können. Habe aber in der Presse über die Nachwirkungen der Epidemie noch nichts derart negatives gelesen. Könnte es nicht sein, dass die Entbehrungen der Menschen zu einem schlagartigen Konsumanstieg führt. Dieser puffert die bedrohliche Situation stark und vernichtet eben nicht ganze Branchen. Was meinst du?

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  2. Problem
    1: Covid-19 kann tödlich sein. Hauptübertragungsweg ist die Tröpfcheninfektion
    2: Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen stehen am Rande des wirtschaftlichen Kollapses, weil die Leute v.a. keine Dienstleistungsunternehmen (Restaurants, Gastwirtschaften, Friseure, Fitness-Studios,…) und Geschäfte wie Bekleidungshäuser, Baumärkte, Bäckereien, etc. mehr aufsuchen dürfen bzw. wollen.

    Ziel
    Jeder muss sich selbst und andere vor Tröpfcheninfektion schützen können, damit die Krankheit keinen tödlichen Verlauf nimmt, die Anzahl der Toten und Neuinfektionen nicht weiter so schnell zunimmt und die Wirtschaft sich schnell wieder erholt.

    Maßnahmen
    1. Viruzid wirksame Desinfektionsmittel produzieren, verteilen und anwenden.
    2. Mundmasken nach FFP3-Standard produzieren, verteilen und aufsetzen (Unternehmen, die hier schnell reagieren können, haben wir in Deutschland). Nicht unbedingt hübsch und praktisch die Masken (v.a. beim Essen und Trinken), sollen aber tatsächlich schützen.
    3. Einmalhandschuhe produzieren, verteilen und anziehen
    4. Weiterhin 1-2 m Abstand zu anderen halten, auch in der Gastronomie
    5. Von zuhause arbeiten, wenn es möglich ist und dadurch keine negativen Konsequenzen im Job gibt.

    Damit sollten Einkäufe, Erledigungen, Ausgehen, Büroarbeiten und Tätigkeiten in Fabriken möglich sein und der wirtschaftliche Einbruch so kurz wie möglich gehalten werden können. (Warum ausgerechnet für Großunternehmen 600 Mrd. EUR zur Verfügung gestellt werden sollen, erschließt sich mir nicht. Wenn die sich bei deren vorhandenen personellen Ressourcen solchen Risiken in deren Lieferketten exponieren, haben die ein Problem mit ihrem Risikomanagement und Konfiguration ihrer Wertschöpfungskette.)

    Kosten für den Steuerzahler: 80 Mio. mal drei Mundmasken á 10 EUR plus Desinfektionsmittel plus Handschuhe = 2,5 -3,0 Mrd. EUR. Ein Klacks verglichen mit dem, was seit fünf Jahren verplempert wird, was jetzt an Instrumenten (Anleihekäufe, Aussetzen der Schuldenbremse) aufgefahren werden soll und welcher Schaden durch Arbeitsplatzverluste und Steuerausfall angerichtet werden könnte.

    Meine Einschätzung: die Korona-Krise ist nicht der Grund, sondern nur der willkommene Auslöser, um Fehler in der Vergangenheit übertünchen zu wollen. Andere werden den großen Reibach gemacht haben, indem sie auf fallende Kurse setzten, andere schauen sich schon nach billigen Übernahmekandidaten in Deutschland um.

    Als die Chinesen 50 Mio. Leute unter Quarantäne gestellt haben, hätten die Alarmglocken bei der deutschen Regierung klingeln müssen. Ein wichtiger Akteur für diese Krisensituation war aber damit beschäftigt, sich für die Kanzlerkandidatur in Stellung zu bringen und in Talkshows das Thema abzuwiegeln. Von der Forschungs- und Bildungsministerin hört man bis heute nichts. Finanz- und Wirtschaftsminister gaben sich gewohnt realitätsfern („es ist genug Geld da“, „es wird kein Arbeitsplatz der Krise zum Opfer fallen“). Von der Frau, die den Posten des Bundeskanzlers innehat, war eh kein schnelles Handeln zu erwarten. Insofern mal wieder Regierungsversagen.

    Freue mich auf Rückmeldungen und Hinweise auf etwaige inhaltliche oder logische Fehler.

    Dirk, Dir sage ich Danke dafür, dass Du das Thema aufgegriffen und zur Diskussion gestellt hast.

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    1. Es gibt nur die Virologen z.zt. in Deutschland, die Regierung beraten. Frage ist: ob Herren Laschet, Söder, Spahn & Frau, Kaliczek überhaupt annährend verstehen, was Herren Professoren: Wieler, Kekule, Streek sagen wollen. Die Entscheidungen werden politisch und emotional getroffen.Ob man hier effektiv was umgehend nachsteuern kann?
      Die Chinesen, Südkoreanern haben sogar USA , Frankreich und auch Deutschland 90 Tage im voraus gezeigt, wie man realistisch und effektiv sein kann.

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  3. r Ich sehe das genauso. Der Lockdown dauert sicherlich in etwa 90 Tage wie in China. Wir haben hier in Italien seit 4 Wochen alles zu und schon die 3. Woche Ausgangssperre. Die Schule wird voraussichtlich bis Juni nicht mehr aufsperren. Da Deutschland mit Verspätung auf Italien mit der Welle reagieren wird, wird Deutschland in den Sommer hineinkommen. Jedenfalls denke ich ist für die Hotellerie und Textilindustrie der Frühling und wahrscheinlich der Sommer gelaufen.

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