Ein paar Gedanken zum Lockdown und dem Weg heraus (“Hammer & Dance”)

Die Bundesregierung hat signalisiert, dass der Lockdown bei uns bis 19.4.2020 beibehalten wird – und danach stufenweise gelöst wird. Es folgen ein paar Gedanken dazu…

  • … was der Lockdown bisher gebracht hat,
  • … warum der Lockdown noch 2 Wochen nötig ist,
  • … welche Strategie beim Auflösen der Lockdown-Regeln angewendet werden könnte, und
  • … meine ganz persönliche Einschätzung der nächsten Schritte.

Wie immer der Hinweis: Ich bin kein Epidemiologe, kein Ökonom, nur ein Bürger, der versucht sich beim Studium von vielen verschiedenen Quellen seine Meinung zu bilden.

Zur Zahl der “bestätigten Fälle”

Für heute berichtet das Robert Koch Institut 99.225 bestätigte Fälle. Bevor wir über diese “bestätigen Fälle” sprechen sollten wir die Probleme dieser Kenngröße erwähnen, denn diese Zahl unterliegt einer Menge Probleme, wofür sie auch von vielen kritisiert wird.

  • Ein “bestätigter Fall” kommt oft erst 5-10 Tage nach Beginn der Infektion in der Statistik an. D.h. die Zahl auf die wir heute schauen, ist quasi ein Blick zurück in die Vergangenheit und zeigt nicht die Gegenwart
  • Da wir nicht alle Menschen testen, wissen wir nicht wie viele Menschen tatsächlich Virusträger sind (“Dunkelziffer”, dafür habe ich Schätzungen gesehen, die liegen zwischen Faktor 2 und 10)

Deutschland scheint eines der Länder mit der höchsten Anzahl an Tests zu sein, was die Zahl dann doch mindestens zuverlässiger erscheinen lässt als in vielen anderen Ländern.

Uns bleibt aber keine andere Wahl, wir haben nur die Anzahl der Fälle aus Ausgangspunkt unserer Überlegungen, mit all ihren Fehlern. Aber wie man im Folgenden sieht, ist die Zahl zur qualitativen Beurteilung der Lage eben doch zu gebrauchen.

Wenn man sich die Anzahl der Covid-19-Fälle im Vergleich zur Anzahl der Sterbefälle anschaut wird erkennbar, dass die Fallzahlen eine (bemerkenswert) gute Vorhersage der Todesfälle sind – nur mit 10 Tage Verschiebung.

Hätten wir also die Pandemie sich einfach weiter exponentiell ausbreiten lassen (bis Juni hätten in Deutschland ca. 60 Mio Menschen den Virus abbekommen), wäre die Anzahl der täglichen Todesfälle ebenso durch die Decke gegangen mit hundertausenden Toten in D und völligem Zusammenbruch des Gesundheitssystems.

Was der Lockdown bisher gebracht hat

Was man schon feststellen kann: Wir haben mit dem Lockdown das exponentielle Wachstum der Neuinfektionen erfolgreich gestoppt (so wie man das auch in Italien und Österreich sehen kann). Wir haben zwar immernoch jeden Tag 3000-4000 zusätzliche neue Infizierte, aber die Anzahl der täglichen Neuinfektionen steigt nicht mehr (=exponentielles Wachstum unterbrochen).

Quelle für diese und folgende Grafen: www.worldometers.info

Damit haben wir das primäre Ziel des Lockdowns erreicht: Es lässt sich aktuell abschätzen, dass die Kapazitäten der Intensivbetten in Deutschland wohl nicht flächendeckend überrannt werden (abgesehen von der Entwicklung von Hotspots mit vielen gleichzeitigen Infektionen an einem Ort, wenn z.B. ein Altenheim betroffen ist). Der Peak in den Intensivstationen kommt in ca. 10 Tagen.

Die kumulierte Anzahl der “aktuell Infizierten” (das sind die, die aktiv ansteckend sind) steigt in Deutschland aber immer noch an und man kann der Kurve schon ansehen, dass sie erstmal noch einige Tage weiter steigen wird.

Diese Kurve steigt noch so lange an, bis die Anzahl der Neuinfektionen am aktuellen Tag kleiner ist als die Anzahl vor ca. 14 Tagen (wenn wir davon ausgehen, dass diese dann nicht mehr infektiös sind, erst dann kommen jeden Tag weniger neue Infizierte hinzu als gesund werden). Das waren 4000 am 24.3.2020.

Warum der Lockdown noch 2 Wochen nötig ist

Österreich ist schon diesen einen Schritt weiter: Die Anzahl der Menschen, die sich neu anstecken ist kleiner als die Anzahl der Menschen, die jeden Tag aus der Infektion rauskommen. Entsprechend sinkt die Anzahl der Infizierten – und deswegen spricht man in Österreich auch schon über erste Lockerungen ab 14.4. nächste Woche (wie gesagt, diese Kurven zeigen eigentlich immer den Zustand von vor 5-10 Tagen):

Zurück zu Deutschland: Wenn man die 10 Tage Verzögerung (s.o.) einrechnet sind wir also tatsächlich schon über den “Peak” drüber und haben wir also gerade mindestens 100.000 virus-aktive Menschen (plus Dunkelziffer), die als “Spreader” ansteckend sind, z.T. ohne dass sie Symptome haben. Mir scheint also, dass wir gerade jetzt und in den nächsten 10 Tagen die höchste Ansteckungsgefahr in D haben. Deswegen dürfen wir auch jetzt nicht aufhören uns voneinander fern zu halten bis diese 100.000 nicht mehr ansteckend sind.

Die Voraussetzung dafür, dass wir den Lockdown lockern können, wird sein, dass die Anzahl der neuen Infektions-Fälle pro Tag wieder so niedrig ist, dass wir diese mit “Contact Tracing” (Kontaktverfolgung) verfolgen können, d.h. dass wir die beim massenhaften Testen erkannten Infizierten und deren Kontakte finden können und in 14-tägige Quarantäne schicken können, damit sie keine weiteren Menschen anstecken können (diesen Zusammenhang erklärt Mailab hier sehr gut).

Das hatten wir im Januar/Februar auch schon probiert, aber wir waren nicht gut genug, sodass das Virus uns buchstäblich “ausgebrochen” ist und wir es nur noch mit einem Lockdown aufhalten konnten (und das könnte auch jederzeit wieder passieren, wenn wir das wieder nicht gut genug machen).

Wie viele tägliche Fälle können wir noch zuverlässig verfolgen? Keine Ahnung, ich gehe mal von 1.000 Fällen pro Tag aus und dass wir Deutschen den entsprechenden Logistik&Virustest-Apparat dafür aufbauen können (sowas können “wir” ja eigentlich ganz gut).

Weniger als 1.000 neue Fälle hatten wir zuletzt am 14. März 2020. Bis 4.000 neue Fälle vergingen dann 12 weitere Tage. Wenn wir vereinfachend davon ausgehen, dass der Abstieg der Kurve ebenso steil ist wie der Anstieg, dann wären das also ab heute (ca. 4000 neue Fälle) 12 Tage in der Zukunft, also der 19. April 2020 (ich hab’ das Datum nicht absichtlich so hingezwirbelt, ehrlich!). Damit scheint dieses Datum zumindest plausibel. Außer unsere Lockdown-Regeln sind zu “lax” und das Absinken der Neuinfektionszahlen geht langsamer als erwartet.

Welche Strategie beim Auflösen der Lockdown-Regeln angewendet werden könnte

Wenn wir einfach alle Regeln auf einmal zurücknehmen, passiert genau das gleiche wie im März: Das Virus schaltet wieder auf Vollgas und geht wieder in exponentielles Wachstum über – mit allen bekannten Konsequenzen. Dafür würden auch wieder nur ein paar Rest-Infektionen im ganzen Land reichen, so wie wir sie im Januar hatten.

Das Virus wird für 1-2 Jahre ein täglicher Begleiter sein bis wir alle geimpft sind. Da wir das Virus nicht auf “null” nieder ringen können, müssen wir also jetzt einen Kurs wählen, bei dem wir so gut wie möglich unser Leben leben können aber dabei nicht wieder ins exponentielle Virenwachstum geraten. Das wird eine diffizile Aufgabe, denn das Sars-CoV2-Virus ist sehr ansteckend…

Zur Rücknahme der “Lockdown”-Einschränkungen: Damit man merkt, welche Maßnahmen-Änderung welche Wirkung hat bzw. mit welcher Maßnahmen-Änderung man vielleicht auch zu weit gegangen ist, müßte man m.E. die einzelnen Schritte um mindestens zwei Wochen voneinander trennen. Nur dann kann man die Wirkung in den Kurven sehen. Und wenn man “zu weit gegangen ist” muss man wieder zurück.

Gabriel Leung schreibt in der New York Times: “And so to see us through the next year or more, we must all prepare for several cycles of a “suppress and lift” policy — cycles during which restrictions are applied and relaxed, applied again and relaxed again, in ways that can keep the pandemic under control but at an acceptable economic and social cost.”

Voraussetzung für alles was dann kommt ist ein “Messverfahren”, mit dem wir fast tagesaktuell die Ausbreitung des Virus verfolgen können (die Zahl der “bestätigten Fälle” ist mit 10 Tagen Verzögerung ungeeignet). Der New York Times Artikel beschreibt die Möglichkeiten, alle sind IT&Daten-basiert (Fitnesstracker, Kaufverhalten, usw.) und benötigen außerdem 100.000-de von Virus-Tests jede Woche. Und wenn wir eine(n) Infizierte(n) finden, muss die/der in Quarantäne und alle seine/ihre Kontaktpersonen müssen getestet werden.

Mir ist noch nicht richtig klar mit welche Strategie man die Lockdown-Maßnahmen aussucht, die man zuerst zurückfährt. Beneide diejenigen nicht, die das jetzt entscheiden müssen…

Der Spiegel berichtet über “ein Konzeptpapier, in dem das Innenministerium einen möglichen Weg aus dem Lockdown skizziert. Unter bestimmten Bedingungen könnten demnach schrittweise Schulen, Geschäfte und Restaurants wieder öffnen. Voraussetzungen dafür wären etwa ein Ausbau der Testkapazitäten sowie die strenge Isolation von Infizierten. Aber auch: ein Mundschutz- und Maskengebot.”

Über das Konzeptpapier wird dort weiter geschrieben: “So könnten regional erste Schulen und Bildungseinrichtungen öffnen. Insellösungen seien möglich, wenn Covid-19-Tests bei Schülern eingeführt würden. Außerdem heißt es im Papier: “Öffnung des Einzelhandels und Gastronomie, aber Beschränkung der Anzahl der Personen in geschlossenen Räumen.” und “Schrittweise sollten zudem definierte Wirtschafts- und Industriezweige wieder ihre Arbeit aufnehmen.” Faustregel: Je mehr Kundenkontakt, desto spätere Öffnung, aber je bessere Schutzmaßnahmen, desto eher.” Und: “je größer die gesellschaftliche Relevanz des Unternehmens, desto eher”.”

Das liest sich alles wie wenn die Leute im Innenministerium den sehr lesenswerten Artikel Coronavirus: The Hammer and the Dance von Tomas Pueyo durchgegangen wären.

Meine ganz persönliche Einschätzung der nächsten Schritte

So, jetzt kommt meine ganz persönliche Einschätzung, die ich nicht mehr im Detail herleiten kann mit Quellen…

Wir wollen die zweite Welle und damit den nächsten Lockdown unbedingt vermeiden. Die Strategie wird sein, alle Menschen-Begegnungen nach Möglichkeit zu “partitionieren” und Durchmischung größerer Menschenansammlungen zu vermeiden. Alles tun um nicht wieder ins exponentielle Wachstum zu geraten!

Ich gehe als Grundvoraussetzung von einer Maskenpflicht in der Öffentlichkeit und bei der Arbeit aus. Händewaschen und Abstand-Halten bleibt sowieso.

Firmen werden angehalten sein, weiterhin viel Remote-Work/Home-Office anzubieten und/oder die Mitarbeiter – wenn möglich – in feste Gruppen zu aufzuteilen (und bitte keine großen Meetings). Die Verwaltungen werden mit Hochdruck an e-Government-Projekten arbeiten, damit die Rathäuser leer bleiben können. Wir werden wie die Wilden testen: So viele Virustests wie möglich machen.

Meine Erwartung zu den Schritten zur Auflösung des Lockdowns wäre die folgende:

  • April: Schritt 1: Geschäfte öffnen wieder, und zwar diejenigen zuerst, wo man sich nicht zu nahe kommt (mit Auflagen für das Abstandhalten der Kunden untereinander)
  • April: Schritt 2: Schulen öffnen Teil 1 (erstmal nur die Abschlussklassen, unterrichtet in kleinen Gruppen)
  • Mai: Schritt 3: restliche Läden, Hotels, Gastronomie und kleine Veranstaltungen werden erlaubt (mit Auflagen zum Mindest-Abstand der Kunden und zur maximalen Anzahl an Personen in einem Raum)
  • Mai: Schritt 4: Schulen öffnen Teil 2 (alles ab 5. Klasse, weil die sich “fernhalten” können) mit strikter Trennung der Klassen/Gruppen voneinander, keine Durchmischung für verschiedene Fächer, keine gemeinsame “Pause” in Hof/Aula und Eltern müssen draußen bleiben
  • Juni: Schritt 5: Schulen öffnen Teil 3, Kitas und Grundschulen öffnen, ebenfalls mit strikter Trennung der Klassen/Gruppen voneinander
  • Juni: Schritt 6: Grenzen werden geöffnet (für “wichtige” Reisen, nicht für den Urlaub)

Wie schon oben erwähnt: Sollten die Neuinfektionen wieder zu schnell ansteigen, müssen wir die Erleichterungen auch wieder zurückfahren oder anpassen. Für werden einen “Tanz” tanzen müssen mit dem Virus…

Ziel ist immer, dass die Anzahl von gleichzeitig in einem Raum befindlicher Personen klein bleibt, sodass kein Super-Spreader-Event passieren kann. Es geht explizit nicht darum, Neuinfektionen komplett zu unterbinden, das schaffen wir sowieso nicht.

Was wir in diesem Jahr wohl nicht mehr erleben werden:

  • Gefüllte Fussballstadien (Bundesliga u.ä. findet nur noch als “Geisterspiele” im TV statt)
  • Gefüllte Kinos, Theater, Konzerte, Festivals, Discos/Clubs, Biergärten, Kirchen, Kongresse
  • Private Feiern mit mehr als 30 oder 50 (?) Personen
  • Dicht-an-dicht vollbesetzte Busse, Züge, Flugzeuge

Der Grund ist ganz einfach: Wir können uns nicht leisten, dass bei so einer Massenveranstaltung ein paar asymptomatische Infizierte in wenigen Stunden hunderte oder tausende andere Besucher infizieren, die im schlimmsten Fall von überall her kommen. Negativ-Beispiel dafür: Apres-Ski Anfang März in Ischgl, die Infizierten verteilten sich über ganz Europa. So eine Verteilung bekommen wir in den Folgewochen mit “Contact Tracing” kaum wieder in den Griff.

Zu den Besuchsbeschränkungen für Krankenhäuser und Alten/Pflegeheimen sehe ich keine Alternative.

Der Sommerurlaub wird für uns auch ganz anders werden als letztes Jahr… Es wird keine vollen Ferien-Ressorts, Freibäder, Baggerseen oder gar Kreuzfahrten geben, und auch Urlaubsreisen ins Ausland werden entfallen, dafür sehe ich vier Gründe:

  • Vertrauen wir den Behörden am Urlaubsziel, dass sie das Coronavirus so im Griff haben, wie sie es uns sagen?
  • Kommen wir noch nach Hause, wenn wir im Urlaub an Covid-19 erkranken?
  • Wer will nach dem Urlaub beim Grenzübertritt nach DE für 2 Wochen in Quarantäne gehen?
  • Wir könnten im Ausland “fest sitzen”, wenn wegen eines Ausbruchs wieder Grenzen geschlossen werden (40.000 Deutsche sitzen dort immernoch fest).

Und dann wird es wahrscheinlich am Ende doch noch hier und da zu lokalen Ausbrüchen kommen, die kleinere, lokale Lockdowns auslösen werden. Leider.

Schlussgedanke

Leung schreibt abschliessend in der NYT: “Trying to see our way through the pandemic with this “suppress and lift” approach is much like driving a car on a long and tortuous road. One needs to hit the brakes and release them, again and again, to keep moving forward without crashing, all with an eye toward safely reaching one’s final destination.”

Links:

Author: Dirk Paessler

Founder and Chairman, Paessler AG; Founder and Executive, Carbon Drawdown Initiative

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