Mit Resilienz und Intelligenz durch die Corona-Jahre

Die Aussicht gefällt niemandem, aber wenn wir ganz ehrlich sind, dann ahnen wir alle schon, dass es eher zwei bis drei Jahre dauert, bis wir Corona hinter uns gelassen haben. Es dauert nicht nur „ein Jahr bis der Impfstoff da ist“. Der muss dann nämlich noch milliardenfach produziert und verimpft werden, das dauert Jahre, und bis dahin kommt noch mindestens eine zweite Welle.

Unser Alltag wird durch einen hochansteckenden und sehr krank machenden Virus massiv gestört, was dann auch noch zu einer schweren Wirtschaftskrise führt – und das alles weltweit quasi gleichzeitig.

So lange können wir die Luft nicht einfach anhalten und still halten. Wir müssen (und wollen) weiteratmen, weiterleben, und werden uns an die ständig neuen Spielregeln mehrfach anpassen müssen.

Damit das gut klappt, brauchen wir zwei Dinge: Resilienz und Intelligenz. Über diese beiden Aspekte des Lebens-mit-Corona möchte ich im Folgenden etwas schreiben.

Teil 1: Resilienz

Resilienz bedeutet nicht, dass man sich ständig nur gut fühlt, auch wenn es schlecht läuft. Resilienz bedeutet, dass man besser damit klar kommt, wenn man sich auch mal schlecht fühlt.

Unsere Kultur strebt eher nach dem Sich-wohl-fühlen, Wellness, bedient werden, usw. Die Stars werden in Casting-Shows „gemacht“, anstatt dass man sich klar macht, dass dauerhafter Erfolg nur mit langfristiger und stetiger Arbeit erzielt wird (Buchempfehlung „Grit“ von Angela Duckworth).

Aber jetzt geht es uns allen schlecht, es gibt keinen, der nicht betroffen ist von Corona. Die einen mehr, die anderen weniger, unsere Geduld und Langmut werden arg strapaziert, einige stehen vor existenziellen Problemen. 

Ein Teil der Bevölkerung hält diese blöden Gefühle, die Einschränkungen und die Unsicherheiten nicht aus und sucht in allerlei Verschwörungstheorien nach den Schuldigen. Aber eine Pandemie kann man nicht weg-demonstrieren oder dafür einen Schuldigen suchen. Da fehlt es an Intelligenz (siehe unten) und an Resilienz.

Wie sieht Resilienz in der Corona-Zeit aus?

Aus meiner Sicht gibt es da vier Punkte:

1. Der Angst nicht die Kontrolle überlassen 

Es geht nicht darum, jeden Schaden und jeden Schmerz in der Zukunft zu vermeiden. Vielmehr sollten wir akzeptieren, dass es zu Schäden, Verlusten und Schmerzen kommen könnte und uns darauf vorbereiten, damit umzugehen. 

Damit die unspezifischen Ängste nicht die Kontrolle übernehmen sollten wir die Ängste relativieren, indem wir ihnen einen Nutzen gegenüberstellen – und diesen für uns in den Vordergrund stellen. Um das Risiko zu rechtfertigen. In meiner Zivildienstzeit als Rettungssanitäter war uns Sanis immer klar, dass es gefährlich ist, mit Blaulicht und hoher Geschwindigkeit durch die Stadt zu düsen. Aber das erhöhte Risiko hatte einen Sinn: Menschenleben zu retten.

Jetzt gehen wir Risiken ein, wenn wir einkaufen (weil wir sonst verhungern), wenn die Kinder in die Schule gehen (weil Bildung&Begegnung für ihre Entwicklung wichtig sind) oder wenn wir in die Arbeit gehen (weil wir sonst pleite sind).

Wenn wir der Angst die Kontrolle überlassen, friert unser Leben ein – keine gute Sache für zwei bis drei Jahre. Anstatt mit Angst mit Wissen besser zu entscheiden, das ist wiederum ein Merkmal der Intelligenz (siehe unten). Kenne die Risiken und gebe ihnen einen Sinn!

2. Um das kümmern, was man tatsächlich kontrollieren kann

Schon in normalen Zeiten haben wir nur wenige Aspekte unseres Lebens unter echter Kontrolle. Jetzt sind es sogar noch weniger. Um Dinge, die man nicht kontrollieren kann (Wetter, Börse, Unfälle, usw.), sollten wir uns generell nicht zu viele Gedanken machen.

Aber eine Sache haben wir in hohem Maße unter Kontrolle: Was in unserem Kopf abgeht. Jeder von uns kann selber entscheiden, wieviel wir von dem Chaos da draussen in unseren Kopf reinlassen, in welcher Qualität und über welche Kanäle. 

  • Weniger: TV, Talkshows, vom Schwager des Nachbarn auf Facebook verlinkte abstruse Youtube-Videos, Social-Media-Posts von Leuten die „anders denken“ und „alles besser verstanden“ haben als die 79,999999 Mio anderen Deutschen
  • Mehr: Guter Journalismus (SZ, spiegel.de, New York Times, The Economist, Öffentlich-rechtliche Medien, usw.), auf Twitter den Fachleuten folgen und beim Denken zuschauen, Primär-Quellen lesen (d.h. die Originale der wissenschaftlichen Studien), gute Filme und Bücher

Selber denken, statt denken lassen! Insbesondere bin ich beeindruckt von der Tiefe, Offenheit und Geschwindigkeit des fachlichen Austausches der echten Experten auf Twitter, den ich sowohl zum Thema Klimakrise wie Corona täglich mitverfolge.

Am Ende des Tages können wir uns alle selber entscheiden, in was für einer Welt wir leben wollen: Eine paranoide Angst-Variante, wo alles was mir passiert irgendwo einen bösen, berechnenden Schuldigen hat, oder eine aufgeklärte Variante, in der wir als Gesellschaft versuchen die Herausforderungen des Lebens gemeinsam zu meistern. Dafür braucht es eine „gemeinsame Wahrheit“ und Vertrauen in unsere Medien, sonst verlieren wir die wichtigste Grundlage für eine Demokratie.

3. Pläne bauen für das Worst-Case-Szenario – und dann positive Überraschungen erleben

Jeder/Jede, der/die sein/ihr Leben, ggf. auch den Beruf, auf eine eher pessimistische Variante der näheren Zukunft einstellt, hat wenigstens das Potential von einem besseren Verlauf überrascht zu werden. Wer hofft, dass im September alles vorbei ist, wird wohl eine harte Zeit im Herbst erleben.

Die pessimistische Variante sieht aus meiner Sicht aktuell so aus:

  • Wir finden kein Medikament und ein Impfstoff steht erst spät in 2021 zur Verfügung, die Verteilung dauert dann 2 bis 3 Jahre.
  • Bis dahin tragen wir Masken, halten uns voneinander fern und es gibt keine Veranstaltungen mit mehr als 30 Personen in einem Innenraum.
  • Es kommt eine schwere Wirtschaftskrise mit erheblichem Absinken der Produktivität und des Bruttosozialprodukts, in der nicht einmal die Krisengewinner große Wachstumssprünge machen.

Wer sein Leben für die nächsten 2-3 Jahren an so einem Szenario ausrichtet, hat gute Chancen positiv überrascht zu werden.

„Treat this thing as if it were here to stay & make sure you can do with it. If it goes away, it will be a bonus.“ (Nassim Taleb)

4. Nicht alleine leiden

Als soziale Wesen brauchen wir den Austausch mit anderen Menschen. Zu einem gewissen Grad müssen wir uns da umstellen, weil wir erstmal keine Parties und breite Familienfeste feiern sollten, nicht zusammen ins Restaurant gehen können und viele nicht mal täglich ins Büro gehen werden, um dort Menschen zu treffen. Mit Zoom werden wir das zumindest etwas abfedern können.

Wahrscheinlich werden jetzt erstmal die Freundeskreise und Begegnungs-Kreise der Menschen kleiner, ausgewählter und dafür intensiver/tiefer. Für mich als Introvert ist das noch nicht einmal eine so schlechte Entwicklung.

Um mit den Belastungen durch Corona und der Krise(n) klar zu kommen, ist der Austausch mit anderen Menschen wichtig für Deine Seele. Handle entsprechend!

Teil 2: Intelligenz

Ein intelligenter Umgang mit einer Pandemie besteht für mich darin, dass ich mich in die wissenschaftlichen Grundlagen und Zusammenhänge einarbeite. Zumindest soweit, dass ich genügend davon verstanden habe, um die Entscheidungen fundiert zu treffen, die ich treffen muss. Das ist für einen Einsiedler ein kleinerer Aufwand als für einen Firmenchef oder eine Kanzlerin.

In meinem Fall gibt es da drei Ebenen: 

  • Als ich: Treffe ich mich mit Person A, gehe ich in Restaurant B? Spare ich mir den Besuch von Laden X und Praxis Dr. Y? 
  • Als Familienvater: Wer darf in unser Haus, und wie? Welche Kontakte, Kurse, usw. kann meine Tochter noch machen? Machen wir Urlaub, wenn ja wie/wo?
  • Als Aufsichtsrat/Vorstand mehrerer Firmen/Organisationen: Wie können wir Mitarbeiter und Kunden schützen und unterstützen, auf welche Entwicklungen müssen wir die Firmen vorbereiten?

Was das Sich-Erarbeiten von guten Entscheidungsgrundlagen im Fall der Corona-Pandemie besonders erschwert ist die Tatsache, dass wir so vieles noch nicht wussten oder wissen und wir ständig Neues dazu lernen. Am Anfang sollten wir die Hände waschen, dann Abstand halten, und jetzt müssen wir uns um Aerosole kümmern.

Im Folgenden möchte ich das aktuelle Wissen zusammentragen, das im Moment meine Entscheidungen leitet, auf allen drei oben genannten Ebenen.

Wie funktioniert die Ansteckung?

Schmier-, Tröpfchen- und Aerosol-Ansteckung

Abgesehen von der Ansteckung im engsten privaten Umfeld (ein Familienmitglied steckt sich „draussen“ an und trägt es in den Haushalt), die quasi unvermeidbar sind, solange der/die Infizierte keine Symptome zeigt, sieht es so aus, als wären es nur 10% der Infizierten die 80% der Neuinfektionen verursachen. Dabei spielen sogenannte „Superspreader-Events“ (eine Person steckt viele Personen bei einem Ereignis an, z.B. Restaurant-Besuch, Großraum-Büro, Gottesdienst, Busreise, Chorprobe) eine große Rolle, wie sich jetzt zeigt. 

Die Tatsache, dass diese Events auch dann passieren, wenn Social Distancing gewahrt bleibt und somit Tröpfchen-Infektion ausgeschlossen ist, läßt sich nur durch die Aerosol-Infektion erklären. Die eine anwesende infizierte Person verteilt bei jedem Atemzug winzige Tröpfchen in der Luft, die so leicht sind, dass sie nicht zu Boden sinken. Diese können sogar mehrere Stunden in der Luft „stehen“ bleiben. Wenn man davon genügend einatmet, kann es bereits zur Infektion kommen.

Mit diesem Wissensstand ist es mir ein Rätsel , wie der Hotel- und Gaststätten-Verband sich zu der Aussage hinreißen lässt, dass mit ihren Konzepten „eine Ansteckung in der Gastronomie unmöglich ist“. Und das wurde auch prompt am ersten Tag der Restaurant-Öffnungen widerlegt, als sich fast 20 Personen in einem Restaurant in Friesland an nur einem Abend angesteckt haben.

Ein Spiegel-Artikel über den von Fachleuten gelobten Twitter Thread von Huge Cevik fasst es wie folgt zusammen: „”Vermeiden Sie engen, anhaltenden Kontakt in Innenräumen und im öffentlichen Verkehr”, schreibt Cevik in ihrem Fazit auf Twitter. Zudem müssten für einen langfristigen Umgang mit dem neuen Virus bessere Lüftungskonzepte entwickelt werden für Menschen, die auf engem Raum zusammenleben oder arbeiten.“

Lüften bitte!

Es ist hingegen bemerkenswert, dass es kaum Berichte gibt über Ansteckungen im Freien – wahrscheinlich weil dort schon der leichteste Luftzug die Aerosole wegweht und man frische Luft einatmet. Für mich bedeutet dass, das ein Besuch in einem kleinen Biergarten oder ein Treffen auf der Terrasse unter Einhaltung der Abstandsregeln möglich sind, ein längerer Aufenthalt in einem Restaurantinnenraum dagegen nicht.

Christian Drosten meint, dass Tröpfchen-Infektion und Aerosol-Infektion mindestens gleich stark an der Verbreitung des Virus beteiligt sind, Schmierinfektion (wegen dieser waschen/desinfizieren wir uns die Hände) nur ca. 10%. Wir sollen also mehr Energie ins Lüften investieren als ins Händewaschen.

Fachfrau Emma Hodcroft vermisst die Anpassung der Öffnungs-Richtlinien an die Gefahr der Aerosol-Ansteckung – so geht es mir auch. Insbesondere im Winter können wir ja nicht ständig die Fenster offen lassen. Willkommen, 2. Welle.

Die Ansteckungsgefahr ist zeitabhängig

Um sich anzustecken, muss man eine bestimmte Menge Virus einatmen. Diese Menge wird bestimmt durch die Anzahl der Viren in der Luft (die ist abhängig von der Nähe zum Infizierten, den Luftbewegungen und der von ihm ausgehenden Viruslast) und die Anzahl der Atemzüge, die man davon einatmet – also der Zeit, die man in der Situation verbringt. 100 Atemzüge mit je einem Virus oder 1 Atemzug mit 100 Viren haben die gleiche Wirkung. Erin Bromage erklärt das Konzept hier ausführlich.

Ein kurzes „Hallo“ im Vorbeigehen im Freien an einem stark streuenden Infizierten ist also weniger gefährlich als 2 Stunden mit einem auch nur leicht streuenden Infizierten in einem Raum zu sein. Das kann man zum Beispiel daran sehen, dass Verkäufer in Supermärkten ein viel höheres Infektionsrisiko haben als die Kunden, die jeweils nur 30 Minuten durch den Laden gehen. 

Das Virus ist bereits überall

Auch wenn die meisten von uns keinen Covid-19 Patienten persönlich kennen (dank des bisher vergleichsweise milden Verlaufs in Deutschland,) sollten wir uns von den aktuellen offiziell bestätigten Infiziertenzahlen in Deutschland (aktuell ca. 12.000) nicht täuschen lassen. Die Karte der Infektionen der letzten 7 Tage des RKI zeigt Infektionsaktivität (fast) überall in Deutschland:

Das sind aber nur die laborbestätigten Fälle. Wieviele Infektionen nicht entdeckt werden, wie groß die Dunkelziffer ist, wissen wir immer noch nicht, aber es scheint in der Größenordnung von Faktor 5 bis 10 zu liegen. Das wären dann aktuell 0,9-1,8 Mio Infizierte in Deutschland, oder ca. 1-2% der Bevölkerung (im arg gebeutelten Spanien liegt die Rate der Infizierten bei 5-11%). Dieses Berechnungsmodell kommt aktuell auf 1,6% Infizierte.

Dann werden aus den aktuell 12.000 offiziellen Infizierten in Deutschland also 120.000 tatsächlich Infizierte, einer von ca. 600 Deutschen. Wenn ich mit 60 Personen in einem Lokal sitze, dann habe ich eine 10% Chance, dass einer davon infiziert ist! Wenn man dann noch 10 mal Essen geht, dann ist die Chance 100%, dass ein Infizierter im Raum ist – auch wenn der mich nicht zu 100% sicher ansteckt, kein gutes Gefühl.

Wie gefährlich ist Covid-19?

Bei dieser Frage muss man unterscheiden zwischen „wie gefährlich ist es daran zu sterben“ und „wie gefährlich ist es die Krankheit durchzumachen“.

Der öffentliche Diskurs konzentriert sich irgendwie immer darauf, dass 1% der Infizierten stirbt (und das sind ja meistens „nur Alte/Kranke“), und die anderen 99% haben „fast nix“. Das ist aber in mehrfacher Hinsicht falsch:

  • 5% der Patienten führt einen schweren Kampf mit dem Virus auf der Intensivstation.
  • 20% müssen wegen Covid-19 mit ernsten Symptomen ins Krankenhaus.
  • Hinzu kommt ein relevanter, wenn auch noch nicht quantifizierter Anteil von Patienten, die nicht krank genug sind für das Krankenhaus, aber für 6-10 Wochen zu Hause eine schwierige Krankheitsphase durchmachen.
  • Und dann gibt es noch eine Menge Spätfolgen, wie wir jetzt erst lernen, es gibt Patienten die auch nach vielen Wochen kaum belastbar bleiben.

Du willst diese Krankheit nicht haben! Insbesondere nicht schon JETZT, wo wir noch keine wirksame Behandlung dafür haben. Kompetente Schilderungen von Krankheitsverläufen gibt es von einem Virologen (dem Entdecker von Ebola) und von einem Professor für Infektionskrankheiten.

Die Wahrscheinlichkeit an Covid-19 zu sterben wird wie folgt beschrieben: „Wenn Sie wissen wollen, wie hoch (statistisch) Ihre Chance ist, an COVID-19 zu sterben – unsere Daten scheinen da einen einfachen Vergleich zuzulassen: Ihr bereits bestehendes Risiko in den nächsten 12 Monaten zu sterben wird dadurch verdoppelt.“

Oder, anders gesagt, wenn Covid-19 ungebremst weitermacht, sterben einfach in einem Jahr doppelt so viele Menschen wie sonst in einem Jahr. In Deutschland wären das 2 Mio Menschen (statt den jährlich üblichen 1 Mio Todesfällen).

Teil C: Was machen wir jetzt mit diesem Wissen?

Es ist ganz klar: wir wollen nicht, dass sich das Virus weiter verbreitet. Wir wollen, dass die zweite Welle nicht so schlimm wird (weil dann unsere Wirtschaft abkackt). Und wir wollen selber nicht angesteckt werden und erkranken.

Wir haben gesehen, dass das Virus überall ist, keiner lebt in einem virusfreien Eckchen des Landes. Und – um nicht depressiv zu werden – werden wir uns trotzdem gewissen Risiken aussetzen müssen. Wie gehen wir damit um?

Grundlegend ergeben sich schon mal 4 grundlegende Handlungsweisen:

  1. Abstand halten
  2. Maske tragen
  3. Begegnungen in Innenräumen meiden und – wenn unvermeidlich – kurz halten (<20 min) und dabei viel durchlüften
  4. Hände waschen

Aber damit lassen sich nicht alle Situationen, die uns so begegnen entscheiden. Es wird immer irgendwo Situationen geben, wo wir mit verschieden hohem Risiko der Ansteckung ausgesetzt sind. Aber wir kann man die bewerten?

Ich denke, wir haben es mit fünf Dimensionen zu tun:

  • Aufenthaltszeit: 20 Minuten bedeuten bei der Aerosol-Ansteckung eine ganz andere Gefährdung als 2 Stunden.
  • Personenzahl in meiner Nähe: 5 Personen um mich herum bedeuten nur ein Bruchteil des Risikos wie 50 oder 100 Personen (egal was die da alle machen).
  • Gelingt das Abstand-Halten: In einem kleinen Restaurant wird es schwierig mit dem Abstandhalten, egal wie sehr sich alle bemühen – dagegen kann man sich in Biergärten und draußen meist gut aus dem Weg gehen.
  • Luftzirkulation und Raumgröße: 60 Besucher in einem großen Supermarkt mit 6 Meter Raumhöhe und Lüftungsanlage erzeugen ein viel kleineres Risiko als 30 Gäste in einem kleinen Restaurant ohne Belüftung.
  • Aerosol-Produktion: Im Supermarkt redet man kaum, im Restaurant quasi die ganze Zeit, man ist ja gekommen, um zu reden (also meistens), beim Sport schnauft man.

Für verschiedene Situationen habe ich versucht, diese Risiken in qualitativ vergleichbare Bewertungen einzuordnen, und habe sie in einer Grafik dargestellt. Im sog. „Radar-Chart“ erscheint jede Situation als farbige Linie, je weiter außen die Linie verläuft, umso risikoreicher wird es.

Dabei geht es mir nur darum, die Risiken qualitativ zu visualisieren, wir wissen noch viel zu wenig, um das alles mit exakten Zahlen machen zu können!

Je größer die Fläche innerhalb einer Linie ist, um so „gefährlicher“ ist die Situation. Am besten schneidet der Besuch im Supermarkt ab (blau), gefolgt von Schule/Büro (türkis), insbesondere weil man da verbindliche Regeln absprechen und durchsetzen kann und weil die Personen immer die gleichen sind. Wenn man nun noch die Aufenthaltszeit deutlich reduzieren kann (Home-Office/Home-Schooling) wird es noch besser. 

Dann kommt der Biergarten (gelb), gefolgt von Indoor-Sports (grün) und einer längeren Fahrt im ÖPNV (orange), wo man aber mit einer guten FFP-2-Maske viel verbessern könnte. Mit weitem Abstand kommt der Restaurant-Besuch (rot) als letzter der noch annehmbaren Aktivitäten durchs Ziel.

Für den Herbst/Winter heißt das nichts Gutes, wenn viele Menschen vom Fahrrad auf den ÖPNV wechseln, Sport nicht mehr draußen machen können und wir zum Essen in Restaurants statt Biergärten gehen müssen. Und wir nicht mehr ständig die Fenster aufreißen können.

Als maximale Gefährdung habe ich abschließend ein Rock-Konzert in einer kleinen Halle als hellblau/gestrichelte Linie mit eingezeichnet, sowas drückt einfach alle „NO-GO-Knöpfe“ auf einmal.

In den fünf genannten Dimensionen zu denken und dabei im Hinterkopf zu haben, dass es unmöglich ist das letzte Restrisiko zu vermeiden, wenn ich noch ein gutes Leben leben möchte, hilft mir sehr im Alltag Diskussionen zu führen und Entscheidungen zu treffen. Egal ob als “ich”, als Vater oder als Unternehmer.

Vielleicht helfen diese Gedanken ja auch noch anderen.

Zum Abschluss noch eine gute Grafik, die mir begegnet ist:

Quelle

Author: Dirk Paessler

CEO Carbon Drawdown Initiative -- VP Negative Emissions Platform -- Founder and Chairman Paessler AG

One thought on “Mit Resilienz und Intelligenz durch die Corona-Jahre”

  1. Danke für diesen tollen Beitrag! Ich wäre wirklich glücklich, wenn das viele Menschen verinnerlichen könnten. Leider kann ich mir die Distanz zu diesen Gedanken, die manche Zeitgenossen entwickeln nur mit indifferenter Angst, mangelnde Objektivität oder gar Intelligenz erklären. Ich bin manchmal derart ratlos, wie solche Einsichten – ohne Zwang – die Entscheidungsebene erreichen könnten und was man zur Förderung tun könnte. Ich fürchte wir erleben eine weitere Herausforderung des Evolutionsprinzips. Diesmal allerdings mit direkter, schmerzhafter Feedback-Funktion verglichen mit trägen, zeitverzögerten und vor allem abstrakten Erscheinungen in der Klimaveränderung. Nochmal danke und bei allem negativem ein positives Erleben der nächsten Monate.

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