Corona: Zurück ins Büro oder ins Klassenzimmer? Nur mit (richtiger) Maske und (richtigem) Lüften!

Da haben wir es also mit einem Virus zu tun, der maßgeblich durch Aerosole in der Luft übertragen wird. Das war im Mai schon klar, da schrieb ich in meinem Mai-Blogpost: “Eine anwesende infizierte Person verteilt bei jedem Atemzug winzige Tröpfchen in der Luft, die so leicht sind, dass sie nicht zu Boden sinken. Diese können sogar mehrere Stunden in der Luft „stehen“ bleiben. Wenn man davon genügend einatmet, kann es zur Infektion kommen.

Jetzt haben wir inzwischen August, die Aerosol-These wurde sich inzwischen vielfach bestätigt (auch hier) und wir erfahren immer mehr darüber, dass die Langzeitfolgen von Covid-19 erheblich sind, selbst wenn man keine Symptome hat, weil sich das Virus an allen möglichen Stellen im Körper “andocken” kann. Irgendwo zwischen 10% und 25% (!) der Infektionen, oft auch junge Menschen, werden “Long Haulers”, die teilweise erhebliche Einschränkungen im Alltag haben, auch noch Monate nach der Infektion.

Und die Politik in Deutschland ringt nun mit dem vor einigen Wochen (voreilig?) geäußerten Statement des “normalen Schulbetriebs im September“. Dabei kann man sich noch nicht einmal über alle Bundesländer hinweg darauf einigen, ob es eine Maskenpflicht in der Schule geben soll (nachweißlich der stärkste Hebel gegen Infektion).

So kommt dann auch der Chef der Lehrer-Gewerkschaft VBE zum Schluss: “Es wird keinen flächendeckenden, vollumfänglichen Regelschulbetrieb wie vor Corona geben. Diese Illusion geht auf das Konto der Politik, die etwas als realisierbar darstellt, was selbst bei gleichbleibend niedrigem Infektionsgeschehen nicht umgesetzt werden könnte.” Und die Zeit läuft ab, andere, geeignetere Schulkonzepte vorzubereiten.

Also nehmen wir mal an, die Infektionszahlen steigen weiter an. Gibt es dann überhaupt einen Weg zurück ins Büro, ins Restaurant und ins Klassenzimmer in geschlossenen INNENRÄUMEN – insbesondere im Winter? Mit dem folgenden Artikel gehe ich für mich auf die Suche nach Antworten, vielleicht sind meine Erkenntnisse ja auch für Euch interessant.

Wo stehen wir?

Wie in fast allen Ländern um uns herum steigen seit Anfang Juli die Neuinfektionszahlen auch bei uns. Auch wenn die Zahlen noch niedrig sind — der Ärzteverband und andere sprechen vom “Beginn der zweiten Welle“, die Anzahl der täglichen Neuinfektionen hat sich in den letzten 4 Wochen verdoppelt.

Quelle

Es häufen sich die Fälle “in der Fläche”, das Virus hat sich überall verteilt, und die Urlaubsrückkehrer, die bei den Tests an den Flughäfen zu 2,5% positiv getestet werden, machen den Rest. Die zunehmende Häufung der kleineren Ausbrüche in Firmen oder bei Familienfeiern ist sicher nicht nur mir aufgefallen.

Noch kommen die Gesundheitsämter bei den Neuinfektionen hinterher. Wenn wir einen Positiven finden, suchen wir alle Kontakte und testen diese bzw. stecken sie in Quarantäne. Damit können die Infektionsketten noch erfolgreich abgebrochen werden. Noch. Ab welcher Neuinfiziertenzahl das nicht mehr klappt, weiß keiner. Die noch erfolgreiche Unterbrechung der Ketten wiegt uns ein bisschen in Sicherheit und läßt die Zahlen m.E. besser aussehen als sie sind, da kommt ein “Kipp-Punkt” auf uns zu (wie beim Klima).

Keiner weiß, wie sich die Neuinfektionszahlen entwickeln werden in den nächsten Wochen und Monaten, aber wenn sie weiter raufgehen, bekommen wir wieder zunehmend ein Problem. Zumindest werden sie nicht gleich wieder so schnell steigen wir im März, weil wir ja alle sehr viele Schutzmaßnahmen haben. Mal abgesehen von einigen Wütenden und Verwirrten sind die meisten Menschen in Deutschland auch weiterhin auf Abstand und Maske bedacht.

Aber in Innenräumen reicht das nicht. Wenn man länger als ein paar Minuten mit einem Superspreader in einem schlecht belüfteten Raum ist reichen auch 10 Meter Abstand nicht aus. Mit den sonstigen Maßnahmen, die wir alle befolgen, bleibt diese Aerosol-Übertragung die größte Ansteckungs-Gefahr, und die steigt mit der Anzahl der Personen um Raum, der Kleinheit des Raums und der dort verbrachten Zeit.

Was tun? Der Superspreader selber weiss ja in der Regel nicht, dass er infektiös ist, dagegen können wir also nur wenig tun.

Aber wir können an den folgenden drei Hebeln arbeiten:

  • Eigenschutz (Maske)
  • Belüftung und
  • Verweildauer

Ansatz 1: Eigenschutz mit Maske

Grundsätzlich gilt: Mit irgendeiner Maske ist es besser als ganz ohne. Fachleute stellen fest, dass Masken nicht nur die Zahl der Infektionen senken, sondern insbesondere den Verlauf einer Infektion abmildern, weil die Menge an eingeatmeten Viren maßgeblich über die Schwere der Infektions-Verlaufs entscheidet (die sind da ganz klar: “universal public masking during the COVID-19 pandemic should be one of the most important pillars of disease control.“).

Wir tragen also die Masken nicht mehr nur “für die anderen” (weil wir unsere Tröpfchen damit auffangen), sondern es ist ganz klar, dass Masken auch uns selber schützen, und zwar maßgeblich. Aber die Schutz-Unterschiede der Masken sind enorm:

  • Die selbstgenähten Masken schützen vor ca. 30-50% der Viren beim Einatmen (aber nur wenn man sie auch richtig trägt, auch fest um die Nase) (Quelle)
  • FFP2 (N95) Masken schaffen es, ca. 90% der Viren auszufiltern, wenn sie gut angepasst sind (was bei den meisten m.E. nicht der Fall ist).
  • “Faceshields”, also Plexiglas-Kupeln über dem Gesicht schaffen nur 23% (die kann man komplett vergessen, Quelle)

Wenn zwei Personen jeweils ein 50%-Maske tragen, senken Sie die gegenseitige Ansteckungsgefahr um 75%. Bei zwei FFP2-Masken (ohne Ausatemventil, wohlgemerkt) kommen wir dann schon nahe an null.

Also, wenn ich nicht vermeiden kann, irgendwo länger mit mehreren Menschen in einem Raum zu sein, trage ich eine FFP2 Maske. Punkt. Ja, ist sch**e so. Aber dazu gibt es keine Alternative.

Ansatz 2: Belüftung

Das ist ein Thema, bei dem ich mich seit Wochen wundere, dass darüber nicht viel mehr gesprochen wird. Da wird gewischt und desinifiziert, Hände gewaschen und Abstand gehalten – aber einem luftübertragbarem Virus ist das alles egal! Solange die Luft nicht getauscht wird, ist die Gefahr immernoch da! “we should focus as much on ventilation as we do on distancing, masks, and hand-washing“.

Vereinfacht kann man sagen: Wenn Du den Zigarettenrauch von einem Raucher riechen kannst, können Dich auch seine Virus-Aerosole erreichen. Die Aerosole sind so leicht, dass sie vom leichtesten Lufthauch verwirbelt und davongetragen werden können.

Es gibt nur verschwindend wenige Berichte von Infektionen, die im Außenbereich erfolgt sind, weil dort die Schwebstoffe umgehend mit der nahezu unendlich zur Verfügung stehenden Luft vermischt und verdünnt werden (in einem Fußballstadion mit 50.000 laut singenden Fans reicht das aber sicher auch nicht).

In Innenräumen werden die Aerosol-Viren auch herumgewirbelt, aber bleiben eben immer im Raum, und verteilen sich immer mehr – dann helfen auch 10 Meter Abstand nicht mehr. Man würde ja auch riechen, wenn einer eine Zigarette drinnen raucht. Und eine Klima-Anlage, die die Luft nur umwälzt macht alles nur noch schlimmer, verteilt die Viren.

Aber wieviel Lüftung soll es sein?

Dieses Video aus Japan zeigt, wie lange es dauert, bis die Luft in einem Raum ausgetauscht ist:

  • Gegenüberliegende Türen: 7 min
  • Eine Tür: 45 min
  • Eine Tür mit Ventilator: 21 min

Im Sommer in einem Klassenzimmer/Restaurent/Büro an gegenüberliegenden Seiten dauerhaft je eine Tür bzw. Fenster zu öffnen, am besten mit einem Ventilator, der die Luft zu einer Seite rauspumpt ist also eine gute Lösung, die Luft wird 3-10 mal ausgetauscht pro Stunde. Mindestens eine der beiden Seiten muss nach draußen gehen, nicht auf den Gang. Die Berufsgenossenschaft Metall empfiehlt, alle 20 Minuten für 5 Minuten stossweise durchzulüften.

Aber wie soll das gehen im Winter? Da können wir doch nicht stundenlang die Fenster offen lassen bei 15°, 5° oder -5°.

Eine Lüftungsanlage könnte helfen, die Luft von außen nach drinnen pumpt und die alte Luft rauspumpt. Die sollte man so weit aufdrehen, wie möglich, und den Außenluftanteil soweit wie möglich anheben. Bleibt die Frage, wie lange es dauert, bis einmal die ganze Luft in einem Raum ausgetauscht ist. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Luft mehrmals pro Stunde ausgetauscht werden muss, damit es was bringt, ich finde nur den Link gerade nicht. Das dürfte deutlich jenseits der Leistungsfähigkeit der meisten Hauslüftungsanlagen liegen (mehr dazu).

Den Luftaustausch messen!

Eine gute Möglichkeit um die Effektivität der Lüftungsaktivitäten zu messen ist in jedem Raum ein CO2-Messgerät aufzustellen. Wenn dieser Wert vom Normalwert zwischen 450-550ppm deutlich nach oben abweicht, hat sich schon viel ausgeatmete Luft der Personen im Raum in der Raumluft angesammelt, und das nächste Lüften ist dringend angeraten.

Wenn das nicht klappt, gibt es nur noch den letzten Hebel:

Ansatz 3: Verweildauer

Wenn ständiges Maskentragen und ständiges Lüften nicht möglich sind, dann bleibt nur: Verweildauer reduzieren. Dann kann man schlicht nicht mit vielen Menschen stundenlang zusammen in einem Innenraum sein. Ein “normaler Schulbetrieb” mit 20 Schülern für 6-8 Stunden in einem Raum oder ein normaler Bürotag mit 10 Personen in einem Büroraum ist damit schlecht vereinbar. Ein ausgedehntes Abendessen drinnen im schnuckeligen Restaurant um die Ecke ebenso.

Die 30 größten deutschen Konzerne im DAX rechnen folglich auch nicht damit, dass man alsbald wieder normale Besetzung in den Bürohäusern hat. Bei der Paessler AG steht unser Headquarter seit März (fast) leer, eine Rückkehr zum Zustand vorher ist nicht in Sicht.

Wie die Kultusminister in diesem Kontext “normalen Schulbetrieb” abwickeln wollen, bleibt mir ein Rätsel. Neben dem, was im Klassenzimmer passiert, muss man muss dabei auch noch bedenken, dass die Schüler ja auch hin&weg-kommen müssen (vollgestopfte Busse/Straßen-/U-Bahnen?) und sich im/ums Schulhaus bewegen werden.

Wäre es nicht besser, das Ziel gleich fallen zu lassen und die Energie in neue, dem “New Normal” angepasste Schulkonzepte zu stecken? Da haben wir wieder so eine Situation, in der ich froh bin, dass ich diese Entscheidungen nicht fällen und verantworten muss (das hab’ ich jetzt in meinen Corona-Blogs schon mehrfach festgestellt).

So wie die aktuelle Impfstoff- und Medikamenten-Lage für Covid-19 aussieht: Ein “normaler” Schul-, Büro-, und Restaurant-Betrieb (und ähnliches) scheint mir dann doch noch 1 oder eher 2 Jahre entfernt in der Zukunft zu liegen.

Und dann werden wir damit leben lernen, weil weg geht das SARS-2-Virus nicht mehr, sagen die Experten:

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Ausführlich unter The Coronavirus Is Never Going Away.

Author: Dirk Paessler

Founder and Chairman, Paessler AG; Founder and Executive, Carbon Drawdown Initiative

One thought on “Corona: Zurück ins Büro oder ins Klassenzimmer? Nur mit (richtiger) Maske und (richtigem) Lüften!”

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