Vorhersage-Versuch: Wann gibt es wieder Lockdown-ähnliche Einschränkungen in Deutschland?

Man braucht kein Prophet zu sein um zu ahnen, dass Deutschland nicht verschont bleiben wird von erheblichen Einschränkungen zum Ausbremsen der Pandemie, wie wir sie bei unseren Nachbarn schon wieder sehen. Aktuell verdoppelt sich die Anzahl der Infektionen in Deutschland alle 10-12 Tage, morgen am 15.10.2020 werden wir nah an oder schon über 6.000 Neuinfektionen liegen. Und die Anzahl der belegten Intensivbetten und der Toten steigt auch schon wieder an, weil die Infektionen auch wieder die älteren Mitbürger erreichen.

Die Politik ringt – wie im Frühjahr – wieder damit, neue Einschränkungen auszusprechen und hofft noch darauf, dass die Bürger sich vernünftig verhalten und selbst einschränken um die Kurve zu bremsen. Aber mir scheint, dass wir ohne erhebliche Einschränkungen das starke Wachstum der Infektionen nicht in den Griff bekommen werden. Und je früher wie sie einführen, umso wirksamer sind sie, das haben wir uns ja selber im März schon bewiesen.

Genauso wie bei unseren Nachbarn gab es auch in der Entwicklung der Inzidenz-Zahlen in Deutschland einen “Knick” in der Linie, wie von mir in meinem Blogpost vom 11.9.2020 beschrieben. Die Ausbreitung des Virus legte eine neue, höhere Geschwindigkeit nach dem 4.10.2020 an den Tag. Die Ähnlichkeiten zu den Entwicklungen in den umliegenden Ländern sind schwer zu übersehen. Wieder haben wir Glück, Deutschland hängt ein bisschen hinter den anderen her und wir könn(t)en von ihnen lernen.

Quelle

Durch Beobachtung der Daten unserer Nachbarn hatte ich am 6.3.2020 die Schulschließungen in Deutschland auf den Tag genau vorhergesagt. Auf die gleiche Weise entstand am 14.3.2020 meine Vorhersage des Lockdowns in Deutschland für den 22.3.2020.

Jetzt versuche ich das hier nochmal. Es geht mir dabei nicht darum, einen Lockdown herbeizureden – ich finde das genauso grässlich wie alle anderen. Ich glaube einfach, dass wir in Deutschland die gleiche Entwicklung sehen werden, wie alle anderen Länder um uns herum, und daraus kann man sich die Zukunft ein bisschen herleiten und sich darauf vorbereiten.

Sicher werden die Maßnahmen anders aussehen als im März, eventuell werden sie regional unterschiedlichen sein und unterschiedlich anfangen. Aber zu glauben, dass wir ohne durch den Winter kommen, das scheint mir realitätsfern zu sein.

Berechnungsmethode 1: Anhand von Vorsprung und bereits erfolgten Lockdowns

Wenn man sich anschaut, wann die anderen Länder den “Knick” in der Linie hatten, wann sie sich aus der Querbewegung der Linie ins Wachstum entwickelt haben, können wir abschätzen, wieviel Vorsprung diese Länder haben.

Und wenn wir uns dann anschauen, wann die Länder erhebliche Einschränkungen verkündet haben, können wir das auf Deutschland übertragen. Dabei ergibt sich:

Quelle: Die o.g. Verlaufsdaten der Länder von ourworldindata und eigene Recherche der Maßnahmen auf Wikipedia

Nach dieser Vorhersage-Methode können wir wohl in der zweiten November Woche mit Lockdowns in Deutschland rechnen. Der Verlauf in Spanien und Frankreich war unterschiedlich zu uns, der Vorhersage-Wert im Dezember scheint mit zu spät zu sein (schön wärs).

Berechnungsmethode 2: Anhand der Inzidenz-Zahlen der anderen Länder zum Zeitpunkt der Maßnahmen

Wenn man sich in den (hier vereinfachten) Inzidenz-Kurven der Nachbarländer anschaut, wie hoch die 7-Tage-Inzidenzen pro 100.000 Einwohner in etwa waren (das ist keine exakte Wissenschaft 🙂 ), als erhebliche Einschränkungen verkündet wurden, dann ergibt sich folgendes Bild:

Vereinfachte 7-Tage Inzidenzkurven (Pro 100k) und Vorhersage, basierend auf den Daten von heute und dem landesspezifischen täglichen Wachstum seit dem Erreichen des “Knicks”.

In Tschechien, Niederlanden, Frankreich, Belgien und Spanien wurden zwischen einer Inzidenz von 150 und 400 die erheblichen Einschränkungen ausgesprochen.

Die nächsten Länder sind Polen, Schweiz, Österreich und UK die solche Einschränkungen ankündigen müßten, und dann zwischen 6.11.2020 und 21.11.2020 werden wir in Deutschland durch dieses Fenster durchlaufen, wenn sich das tägliche Wachstum der Infektionszahlen nicht wegen irgendwelchen Wundern plötzlich abflachen wird. Also ergibt auch bei dieser Vorhersage-Methode die zweite oder dritte Novemberwoche.

Ist das noch vermeidbar?

Wenn meine o.g. Vorsage korrekt sein sollte, sind wir ca. 20-30 Tage von den Lockdowns entfernt. Wenn man sich klar macht, dass die Zahlenwerte von heute die Infektionen von vor 7-10 Tagen darstellen, dann wird klar, dass die Neu-Infektionszahlen erst anfangen zu sinken, wenn wir alle für 10 Tage zu Hause bleiben würden – bis dahin steigen sie einfach weiter an. Also muss in den nächsten 10-20 Tagen etwas entschieden werden.

Entsprechend steht in dem Papier, das heute die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten besprochen haben, Zitat:

Kommt der Anstieg der Infektionszahlen unter den vorgenannten Maßnahmen nicht spätestens binnen 10 Tagen zum Stillstand, sind weitere gezielte Beschränkungsschritte unvermeidlich, um öffentliche Kontakte weitergehend zu reduzieren. In diesen Fällen ist insbesondere im ersten Schritt eine Kontaktbeschränkung einzuführen, die den Aufenthalt im öffentlichen Raum nunmehr mit bis zu X Personen oder den Angehörigen zweier Hausstände gestattet.

Wie diese neuen Lockdowns aussehen werden, wann und ob Bars, Restaurants, oder Schulen usw. geschlossen werden, das werden wir dann erst noch sehen. Wichtig ist, dass die Maßnahmen schon so erheblich sind, dass sie eine große Wirkung erzielen (also durchaus einschneidend sind), sonst kann man es auch lassen.

Egal wie: Die Erfahrungen der Nachbarn sagen uns: Es wird auch bei uns nicht ohne drastische Maßnahmen gehen.

Wie kann man sich schützen und versuchen die Ausbreitung zu verlangsamen?

Die Virologin und Corona-Fachfrau Isabella Eckerle hat auf Twitter ihre eigenen Maßnahmen beschrieben, die ich hier zitieren möchte (ich lebe selbst nach diesen oder sehr ähnlichen Regeln):

  • Mehr kleine Alltagsentscheidungen, um #SARSCoV2 #COVID19 Risiken zu minimieren – Freunde treffen: Spaziergang /Wanderung statt Café – in der Stadt: Take-away Kaffee & Kuchen im Park statt drinnen, Besuch von Freunden daheim nur bei gutem Wetter auf Terrasse/Balkon 1/n
  • Statt Restaurant am Abend lieber am Mittag essen gehen & nach einem Platz draussen fragen, am Abend lieber Take-away & zuhause, wenn mit Freunden, nur kleine Gruppe (z.B. nur 1 weiterer “fremder” Haushalt), ruhige Umgebung schaffen, Abstand halten, regelmässig Fenster auf 2/n
  • Familienbesuche auf die “Kern-“Familie beschränken, keine multiplen Besuche mehrerer Familien/Freunde (=Haushalte) in kurzer Zeit, vorher überlegen: Wer hat ein besonders hohes Risiko in meinem Umfeld & muss besonders geschützt werden? – auch hier: besser Treffen im Freien! 3/n
  • Statt Fitnessstudio: Draussen Joggen oder Radfahren, alleine mit kleiner (fester) Gruppe, Yoga daheim oder in kleiner (fester) Gruppe. Für Outdoor-Aktivitäten bei schlechtem Wetter rüsten: Warme wetterfeste Kleidung und Schuhe, lieber raus in die Natur als in die Stadt. 4/n
  • Stosszeiten in der Stadt vermeiden, ebenso volle Fussgängerzonen (hier ggfs auch draußen Maske sinnvoll), volle Geschäfte & Supermärkte – Einkäufe (vor-)bestellen, oder falls möglich unter der Woche erledigen. Statt voller Bus/Bahn lieber Fahrrad oder laufen falls möglich. 5/n
  • Erkrankungssymptome ernst nehmen: Halskratzen, Fieber, Husten, Geschmacks-/Geruchsverlust, Kopfschmerzen, Erkältung, aber auch Durchfall, Gliederschmerzen, starke Müdigkeit können COVID19-Symptome sein. Geplante Treffen absagen, isolieren & schnellstmöglich testen lassen. 6/n
  • Auch Freunde, Familienmitglieder & Arbeitskollegen bitten, Symptome ernst zu nehmen, darüber sprechen. Vor einem Treffen darauf hinweisen, dass man #COVID19 ernst nimmt & bestimmte Massnahmen gerne einhalten möchte (Gegenüber ist oft auch froh, wenn man es aktiv anspricht!) 7/n
  • Bei nicht-vermeidbaren Treffen oder Aktivitäten (z.B. Geschäftsessen, wichtige Familienfeier) vorher nachfragen, ob Schutzmassnahmen möglich sind & ggfs. Alternativen oder Modifikation des Treffens vorschlagen. Kein schlechtes Gewissen haben, wenn man aus Vorsicht absagt 8/n
  • Dies sind ein paar Verhaltensweisen, die ich grösstenteils persönlich im Moment berücksichtige, um gut durch diesen schwierigen Herbst/Winter zu kommen. Nicht alles ist in jeder Situation, für jeden, zu jeder Zeit möglich & nein, es ist auch nicht wie ich dauerhaft leben will 9/n
  • Ich denke aber, für diesen Winter kann man so, oder so ähnlich, eine akzeptable Balance zwischen Verantwortung & Lebensqualität finden, die für die allermeisten tragbar sein sollte. Es gibt keinen Grund zur Panik, aktuell aber auch keinen Grund zur Entwarnung/Verharmlosung. 10/n

Originally tweeted by Isabella Eckerle (@EckerleIsabella) on October 13, 2020.

Author: Dirk Paessler

Founder and Chairman, Paessler AG; Founder and Executive, Carbon Drawdown Initiative

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