Lockdown ab Mittwoch: Und wie lange?

Heute haben die Landesfürsten mit Angela Merkel zusammen entschieden, dass wir ab Mittwoch einen “harten Lockdown” haben werden in Deutschland um das erneut exponentielle Wachstum der Corona-Neuinfektionen zu stoppen.

Aber wie lange wird der Lockdown andauern? Leider liegen wir im größten Teil des Landes auf sehr hohem Niveau bei der “Inzidenz”, den Infektionen pro 7 Tage und pro 100.000 Einwohner. Das blöde dabei: Je höher die Inzidenz einmal ist, desto länger dauert es, von dort wieder runter zu kommen.

Mit ein bisschen Mathematik und einer Einzelberechnung für alle 401 Landkreise Deutschlands kann man sich ein Bild von diesen Abläufen machen.

Wichtig: Was nun folgt sind grobe Abschätzungen. Mir geht es hier darum, die Abläufe darzustellen, die nun vor uns liegen, und dabei eine Idee vom Zeitablauf zu erhalten. Natürlich gibt es mathematische Modelle, die an diese Aufgabe wesentlich komplexer herangehen. Aber bemerkenswerter Weise kommen Modellrechnungen der Universität des Saarlandes (Team um Thorsten Lehr) oder von Otmar Scherer-Gennermann auf ähnliche Ergebnisse wie ich hier.

Es ist dringend

In den letzten 7 Tagen gab es 149.558 Neuinfektionen (laut Risklayer Datensammlung, Infos zur Datenquelle am Ende des Artikels). Mit stark steigender Tendenz:

Und dieses Wachstum findet auf ganz breiter Front statt, Stand heute steigen die 7-Tage-Neuinfektionen in 318 von 401 Landkreisen, ebenso mit steigender Tendenz:

Und dieses Wachstum wird solange weitergehen, bis wir alle unser Verhalten grundlegend verändern. Wie in meinem Artikel Die mathematischen Grundlagen der Pandemie dargestellt ist ein einmal eingeschlagener Wachstumspfad (7-Tages-Wachstum > 0) nur sehr mühsam aufzuhalten und eine Umkehr auch nur zeitverzögert zu erreichen.

Was wird also nun passieren?

Es wird ab heute mehrere Phasen geben:

  1. Phase: Bis zu 7-10 Tage nach dem eigentlichen “Lockdown” am Mittwoch 16.12. wird das Wachstum mindestens mit gleicher Geschwindigkeit weitergehen, denn die Infektionen, die bis 24/25/26.12. von den Gesundheitsämtern berichtet werden, haben sich alle vor dem Lockdown infiziert. Da könnten wir noch über 40.000 Neuinfektionen pro Tag um den 1. Weihnachtstag herum sehen (wenn das die Test-Kapazitäten überhaupt hergeben).
  2. Phase: Das tägliche Wachstum wird sich abschwächen bis es zum Stillstand kommt und dann in ein Absinken übergehen, bis wir das neue “negative Wachstums-Niveau” erreichen, das die neuen Lockdown-Regeln erzeugen. Das dauerte im März vom 22.3. bis 8.4., also 17 Tage. Das wäre dann dieses Mal etwa der 2. Januar 2021.
  3. Phase: Auf dem Absink-Niveau verbleibt dann die Wachstumskurve, bis wir den Lockdown wieder lockern. Im April 2020 hatten wir im Lockdown bis ca. 9.5. ein Negativ-Wachstum von ca. -34% pro Woche geschafft.

Das Ganze soll – so sagen die Politiker – solange gehen, bis wir wieder unter eine Inzidenz von 50 Fällen pro 100.000 Einwohner in 7 Tagen sinken (ob sie damit das ganze Land oder alle/einzelne Landkreise meinen, sagen sie m.E. nicht). Wenn man aber von Inzidenzen von mehreren Hundert kommt, wie das in einigen Landkreisen der Fall ist, dauert das leider ein bisschen länger.

Und eigentlich müssten wir noch viel weiter runter, denn bis die Impfungen wirken vergehen noch mindestens 6-9 Monate: Wir müssten mit der Inzidenz unter 30 oder gar unter 10 kommen schreiben die Wissenschaftlerinnen Priesemann, Ciesek und Brinkmann in der ZEIT. Da wird jetzt doch schnell klar, dass ein Ende des Lockdowns zum 10. Januar reine Fantasie ist. Der Termin kommt offensichtlich durch das Infektionsschutzgesetz, weil Einschränkungen künftig immer auf vier Wochen befristet sein müssen, danach müssen neue Maßnahmen verhandelt und erlassen werden.

Also, berechnen wir das ganze mal…

Für die folgende Berechnung habe ich für jeden einzelnen Landkreis in Deutschland…

  • die Neuinfektionen mit dem aktuellen Wachstum der letzten 3 Tage (11.12.-13.12.) weiterlaufen lassen bis Weihnachten, dann erst wirkt der Lockdown
  • Ab dem 25.12.2020 sinkt das 7-Tage-Wachstum bis es -30% erreicht und zwar so schnell wie im März
  • und ab dem 2.1.2021 bleibt das 7-Tage-Wachstum auf ca. -30%

Das sieht dann – zusammengerechnet für ganz Deutschland – so aus (rote Linie) und es ergibt sich die in blau dargestellte deutschlandweite Inzidenz:

Mit dem grünen Pfeil habe ich den Tag markiert, an dem die Inzidenz für Gesamt-Deutschland unter 50 sinkt: Das würde um den 26.1.2021 herum sein, wenn meine modellierten Zahlen so halbwegs stimmen.

Aber das ist nur die deutschlandweite Betrachtung, wenn man das aufdröselt für alle einzelnen Landkreise sieht man, dass am 26.1.2021 die Top-40-Landkreise (das “10% Perzentil”) immer noch eine Inzidenz von über 100 haben, die Top 100 Landkreise (25% Perzentil) liegen mit der Inzidenz über 75.

Erst am 20.2.2021 läge die Inzidenz von 90% aller Landkreise in Deutschland unter 50. Wird man am Ende des deutschlandweiten Lockdowns noch einige Landkreise länger im Lockdown belassen müssen?

Aber…. Weihnachten, Silvester?

Was meine Berechnungen nicht berücksichtigen sind eine intensive Durchmischung der Haushalte und Altersgruppen über die Feiertage oder an Silvester. Wenn sich die Bürger in Deutschland da nicht sehr zurückhalten, schiebt sich der Ausgang aus dem Lockdown für das ganze Land auch schnell noch geschätzte 1-3 Wochen nach hinten. #StayTheF***AtHome.

Wenn’s mal wieder länger dauert…

Wir sehen also, der 10. Januar ist nur ein regierungs-technischer/juristischer Termin, vorgegeben vom Infektionsschutzgesetz. Bis wir uns wieder rauswagen dürfen, wird es wohl länger dauern. Wie lange, das kann heute noch keiner sagen, aber über den Großteil des Januars 2021 können wir wohl ein Ei hauen.

Quellenangabe der Daten

Die Landkreis-Tagesdaten bis zum 13.12.2020 kommen von www.risklayer.com: Data can be used for reproduction with attribution to “Risklayer GmbH (www.risklayer.com) and Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM) at Karlsruhe Institute of Technology (KIT) and the Risklayer-CEDIM SARS-CoV-2 Crowdsourcing Contributors”. Authors: James Daniell| Johannes Brand| Andreas Schaefer and the Risklayer-CEDIM SARS-CoV-2 Crowdsourcing Contributors through Risklayer GmbH and Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM) at the Karlsruhe Institute of Technology (KIT). Data sources can be found under https://docs.google.com/spreadsheets/d/1wg-s4_Lz2Stil6spQEYFdZaBEp8nWW26gVyfHqvcl8s/edit?usp=sharing

Author: Dirk Paessler

CEO Carbon Drawdown Initiative -- VP Negative Emissions Platform -- Founder and Chairman Paessler AG

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