Corona: Mutation B.1.1.7 ist deutlich ansteckender – Ist das die Wende im Umgang mit der Pandemie?

Das besch**ene Jahr 2020 wollte wohl am Ende nochmal eine Schippe drauflegen – und legte beim Coronavirus zum Abschluss mit der neuen Mutation B.1.1.7 oder 20B/501Y.V1 nach, die wesentlich ansteckender zu sein scheint. Das ist nicht gut. Und könnte doch den weltweiten Verlauf zum Besseren wenden.

Innerhalb von wenigen Wochen hat diese neue Variante des Corona-Virus im Süden Englands quasi das komplette Infektionsgeschehen übernommen und zu einem starken Wachstum der Neuinfektionen geführt – trotz zeitweisem Lockdown. Mehrere Quellen sprechen von einer bis zu 56% höheren Ansteckungsrate. Weil wir in Europa zu wenig (besser gesagt: keine) Infektions-Schutzmaßnahmen an den Grenzen praktizieren (in Asien läuft das komplett anders), konnte sich diese Variante auch bereits unbemerkt in ganz Europa verbreiten und wird wohl überall einen ähnlichen Durchmarsch antreten wie in England.

Der sogenannte R0-Wert, die Reproduktionsrate, die sich ergibt, wenn keine einschränkenden Maßnahmen getroffen werden, steigt mit der neuen Variante von 2,7 auf über 4. Das hat zur Folge….

  • dass wir deutlich striktere Hygiene-Maßnahmen und/oder Lockdowns als bisher brauchen um diesen Wert auf unter 1 senken um das Virus aufzuhalten.
  • Deutschland war im ersten Lockdown im Frühjahr in den besten Phasen zeitweise nur bei einem R-Wert von 0,8. Mit den gleichen Maßnahmen wären wir jetzt immer noch über 1, die Infektionen würden immer noch ansteigen.
  • Also brauchen wir in den nächsten Monaten einen wesentlich strikteren Lockdown, was wohl auch dazu führen wird, dass auch “non-essential business” ganz oder teilweise schließen werden muss (von Schulen ganz zu schweigen).
  • Auch was die Impfungen angeht liegt jetzt die Latte höher: Statt 60% Impfrate müssen wir jetzt 75-80% anpeilen um die Pandemie zu stoppen. Das wird länger dauern als bisher gedacht, weil mehr Personen geimpft und auch einige Zweifler überzeugt werden müssen.
  • Die Folgen für unser aller Leben und damit auch für die Wirtschaft werden stärker sein und länger anhalten, als bisher “erlebt” und erwartet.
Quelle: https://twitter.com/EckerleIsabella/status/1342066194216591361

Glück im Unglück

Dabei haben wir mit dieser Mutation noch Glück, sie scheint nicht kränker zu machen oder tödlicher zu sein. Bei der spanischen Grippe bestand die zweite Welle im Winter 1918 aus einer wesentlich tödlicheren Variante als die ersten Welle. Glücklich ist auch, dass wir erwarten, dass die neuen Impfstoffe auch gegen die neue Variante helfen.

Und doch könnte es paradoxerweise sein, dass die jetzt erhöhte Ansteckungsrate viele Menschenleben retten wird. Weil jetzt unmissverständlich klar werden könnte, dass die Länder der Welt mit “Durchmogeln” und Jojo-Lockdowns nicht erfolgreich bis zum Ende der Pandemie durchkommen werden. Die Dynamik wird jetzt viel höher sein und das Geschehen ist schwerer zu kontrollieren.

Diese neue Variante könnte (hoffentlich!) zur Einsicht führen, dass eine #zerocovid-Strategie die einzige verbleibende Handlungs-Option für Politik und Regierungen sein muss. Denn:

  • eine erhöhte Ansteckung ist viel schwerer im Griff zu halten,
  • was viel höheren soziale und ökonomische Schäden erzeugt und
  • hohe Fallzahlen bilden den Nährboden für die Entwicklungen weiterer neuer Mutationen, die evtl. doch noch schlimmer sind (“we are playing a very dangerous game here“)

Die Infektionsraten müssen runter. Weit runter. Zielzahl null. Das fordern sogar Volkswirte, weil es für Wirtschaft und Gesellschaft die bessere Lösung ist.

Die #zerocovid-Strategie

Letzte Woche habe ich bereits über die Forderung der Wissenschaft geschrieben, den jetzigen Lockdown so lange durchzuhalten, bis wir unter eine Inzidenz von 7 pro 100.000 Einwohner pro Woche kommen (“Europe’s ‘Return of the Jedi’ moment“).

Das wird jetzt noch einmal dringender. Warum tut sich die Politik so schwer damit, diesen klar vorgezeichneten und von der Wissenschaft empfohlenen Weg zu gehen? Auch in einem Wahljahr? Die Regierung in Neuseeland hat vorgeführt wie man erst erfolgreich Corona besiegt und auch dadurch mit einem Erdrutschsieg die nächste Wahl. Bis September sind 9 Monate Zeit, da können wir alle noch erleben, wie gut sich das (fast) normale Leben wieder anfühlt!

Ohne scharfen Lockdown wird das nicht klappen. Yaneer Bar-Yam schreibt dazu: “So the question is not whether to close, but when and how to close. Long term partial closure has a much worse effect than short term strong closure. Getting the cases down rapidly is much better. Acting sooner is much better.

Dass wir bei einem Ansteigen der Infektionszahlen nicht um einen Lockdown herumkommen, haben wir uns ja erfolgreich selbst vorgeführt im Oktober/November. Nach 6 Wochen “lockdown light” waren wir keinen Zentimeter weiter, im Gegenteil, die Krankenhäuser ächzen jetzt unter enormer Last.

Jetzt heißt es also dran bleiben, und ggf. sogar verschärfen (wg. erhöhtem R), um an die Null ranzukommen.

Die einzige valide EXIT-Strategie ist “Elimination”

Je näher wir an “null” sind bei der Inzidenz, um so leichter können wir die Zahl dort halten. Sobald irgendwo ein Nest entdeckt wird, wird vor-Ort hart gegengesteuert. Alle Anderen können in großen Teilen ihrem normalen Leben nachgehen. Dies wird kombiniert mit Quarantäne&Testpflicht bei allen Grenzübertritten, so wie in Asien (außer beide Länder sind eine “Green Zone” mit nahezu null Infektionsgeschehen). Bis die Impfung wirkt.

Und selbst wenn man die null nicht erreicht hat die Strategie enormen Nutzen: Das Leben und die Wirtschaft kommen wieder ins Laufen, unendliches Leid durch Krankenhaus-Aufenthalt, Tod oder Long-Covid wird vermieden usw.

Yaneer Bar-Yam schreibt dazu: “For some reason, despite the success of this strategy in other countries many are concerned about doing it successfully and are ready to give up if they are not guaranteed success. But most of the benefits are already gained even if the ultimate goal is not reached.” Er spricht von Australien, Taiwan, New Zealand, Singapore, Vietnam, Thailand, China, und Teilen von Canada.

Jacinda Ardern, die neuseeländische Chefin, sagt das Gleiche:

Was Du jetzt tun kannst

Wie gesagt, meine Hoffnung ist, dass die Regierungen in Europa den Knall gehört haben, und nun auf eine bewussteren Umgang mit der Pandemie umschwenken – gemeinsam.

Das wird natürlich wieder zu lange dauern und bis dahin hilfst Du Dir am besten selbst.

  • Die AHA+L Regeln befolgen, und zwar noch bewusster und strikter als bisher, insbesondere solange wir so hohe Inzidenzen in Deutschland haben wie gerade jetzt!
  • Bleib zu Hause!
  • Sobald Du an der Reihe bist, lass Dich impfen!
  • “Hope for the best, prepare for the worst (a very bad Jan-Feb)” (Tomas Pueyo)
  • Halte durch, im Früh-Sommer sollte es besser werden.

Ach ja. Die KMK.

Könnte bitte jemand das Ganze oben beschriebene der Kultus-Minister-Konferenz erklären, damit wir vom inzwischen vielfach als gefährlich ermittelten “Schulen offen mit voller Präsenzpflicht”-Mantra endlich zu sicherer Bildung mit Distanz-Unterricht, geteilten Klassen usw. weiterschreiten können und endlich Lehrpläne/Prüfungsordnungen daran anpassen, dass man in einer Pandemie keinen Regelunterricht machen kann? Wie groß muss eine globale Katastrophe denn noch sein, bis wir die Belastung der Schüler und Lehrer anpassen?

Author: Dirk Paessler

CEO Carbon Drawdown Initiative -- VP Negative Emissions Platform -- Founder and Chairman Paessler AG

2 thoughts on “Corona: Mutation B.1.1.7 ist deutlich ansteckender – Ist das die Wende im Umgang mit der Pandemie?”

  1. Danke! Die Arbeit als Erzieherin ist eine reine Angsttortour! Und nirgends werden wir genannt oder gesehen. Bei B117 wird mir für Kinder und Erzieher bang…

    Notbetrieb kann ich völlig akzeptieren, wenn die Auslastung bei 20% liegt und bestenfalls alle vorher negativ getestet werden! Aber nichts davon wird umfassend gemacht.

    Einige Eltern fordern Betreuung für Homeoffice, Einkäufe und andere private Tätigkeit. Ihre Notlage ist nur von ihnen selbst subjektiv einzuschätzen. Schuld dieser Regelung ist das Bildungsministerium. Coronaleugner oder Kinder, Erziehe und Eltern als Experiment?

    Haben die meisten Eltern nicht selbst i h r e Kinder gewünscht? Können sie nicht auch krank werden? Wo ist die Verantwortung?
    Lieber würde ich Notkinder zentral dauerhaft in Isolation sicher betreuen, wissentlich, wo sie waren, als dieses tägliche institutionelle an- und abgaben!
    Heißt es als Erzieherin, solch Risiko in Kauf nehmen zu müssen?
    Ich überlege, das rechtlich anzufechten… bei Asbest hat es ja auch gedauert…

    Ich habe gesundheitlich richtig Angst! Andernfalls könnte ich die Maßnahmen nicht akzeptieren.

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