Die Cloud macht’s möglich: IT-Blitz-Projekt “Corona Notaufnahme Ampel”

Für die DGINA (Deutsche Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin) haben haben wir in den letzten Wochen cloudbasiert ein IT-Blitzprojekt umgesetzt: Die neue “Corona Notaufnahme Ampel” verbessert die tägliche Einschätzung der Pandemie-Lage im Land. Sie liefert die Notfall-Patientenzahlen zwischen vorgelagerten Infektionszahlen (RKI/Risklayer) und nachgelagerten Intensivstationen (DIVI Intensivregister).

Die Ampel haben wir (mit nur zwei Technikern) zusammen mit einer Expertengruppe der DGINA entwickelt, die aus leitenden Ärzt*Innen sowie Pflegekräften aus siebzehn deutschen Notaufnahmen aller Versorgungsstufen besteht.

Hier kommt also eine kurze Geschichte von einem IT-Projekt, das nur durch die konsequente Nutzung der Cloud (in diesem Fall von Google) möglich wurde…

Unsere Notaufnahmen: Die zentralen Anlaufstellen für Patienten

Die Notaufnahmen sind die zentrale Anlaufstellen für Akut- und Notfallpatienten in Deutschland und behandeln jährlich ca. 25 Millionen (!) Bundesbürger. Der Großteil aller zeitkritischen und schweren Erkrankungen werden über die Notaufnahmen primär diagnostiziert, behandelt und weiterverteilt. In einer Pandemie wird die Arbeit der Notaufnahmen durch viele Einflüsse erschwert, u.a. durch den aufwendigen Infektionsschutz (Masken, Anzüge), die steigende Anzahl an Patienten mit Corona-Symptomen (oder Verdacht) oder auch durch Covid-19-bedingten Ausfälle im Personal (wg. Erkrankung oder Quarantäne-Fällen).

Bisher gab es in Deutschland keine zentrale Erfassung der Auslastung der Notaufnahmen. RKI oder Risklayer melden täglich die Anzahl der Neu-Infektionen, auf der Website vom DIVI Intensivregister können wir die Belegung der Intensiv-Betten deutschlandweit ablesen. Aber für den Schritt dazwischen, die Notaufnahme-Patientenzahlen, gab es bisher keine landesweite Darstellung. Diese Lücke wollen wir mit der Notaufnahme Ampel zumindest teilweise überbrücken.

Was ist die Aussage?

Notaufnahme-Ampel Bericht vom 8.1.2021

Die rechts stehende Grafik wird ab jetzt täglich von der DGINA auf der Webseite des Verbandes veröffentlicht. Im Kreisdiagramm sieht man, dass in den letzten 7 Tagen nur etwa 40% der Notaufnahmen eine “normale” Belastung hatten, die meisten Notaufnahmen arbeiten unter erhöhter oder stark erhöhter Auslastung, 10% hatten Überlastungstage. Am 4.1. und am 28.12. war die Auslastung besonders hoch, wie man an der “Türmchen-Grafik” erkennen kann. Links unten sieht man, dass 40-60% der Kliniken Personalausfall durch Covid-Fälle/Quarantäne im Personal haben – Auswirkung der viel zu hohen Inzidenz im Land.

Wie läuft das ab?

Jede teilnehmende Notaufnahme erhält morgens um 5 Uhr eine E-Mail mit einem geschützten Link zu einem individuellen Google Sheet, in dem sie die Patientenzahlen der Vortages sowie eine Selbsteinschätzung der Belastungslage (blau/grün/gelb/orange/rot) eingibt.

Eingabeformular Notaufnahme Ampel

Diese Daten werden automatisch zusammengefasst, statistisch ausgewertet und visualisiert (mit Google Data Studio) und täglich gegen mittag auf der Website von DGINA veröffentlicht.

Wichtig war dabei der einfache Zugang zum Eingabeformular und die schnelle Datenerfassung um das Personal der Notaufnahmen nicht noch zusätzlich zu belasten. Nach einem Mausklick auf den täglich versendeten Link müssen nur 7 Werte in ein Formular eingegeben werden, das wie Excel aussieht. Die tägliche Erfassung ist in weniger als 2 min möglich. Zur Not geht das auch auf einem Handy, wenn das Kliniknetz nur einen eingeschränkten Internetzugang bietet. Eine ausführliche Beschreibung des Projekts gibt es im PDF auf der DGINA Website.

So macht man sowas heute: Mit cloud-basierter Umsetzung!

Von der ersten Idee bis zur Umsetzung und Veröffentlichung des voll-produktiven Prototypen vergingen nur ein paar Wochen. Und das mit nur 2 Technikern, die das neben ihrem normalen Job abends und am Wochenende umgesetzt haben. Wir, das sind die beiden Techniker des Projekts, Stefan Neefischer von Sealyzer/Pemavor und ich.

Möglich wurde dies durch ein sehr schlankes technisches Konzept, das nur wenige Zeilen eigenen Programmiercode benötigt (100 Zeilen Python, 200 Zeilen Javascript) und ansonsten komplett auf kostenlosen Funktionen von Google Workspace (ehemals GSuite) basiert. Damit können wir das System für die DGINA sogar komplett kostenlos erstellen und betreiben (abgesehen von vielen ehrenamtlichen Arbeitsstunden aller beteiligten Personen).

The power of the cloud!

Die modernen Cloud-Tools ermöglichten es mit nur zwei Entwicklern in wenigen Tagen eine funktionierende Implementation für dieses Projekt zu bauen (das grundlegende Basis-System wurde über nur ein Wochenende entwickelt). Durch die konsequente Nutzung von Cloud-Computing müssen wir uns dabei nicht um Server-Betrieb, Programmierung, Mail-Server oder Sicherheits-Aspekte kümmern – das machen alles Leute, die das viel besser können als wir.

Die Zeit der Manufaktur-Software, des Selber-Hostens von Internet-Diensten und der überlasteten Internetdienste ist vorbei, seit Amazon vor fast 20 Jahren mit AWS die automatisch skalierende Cloud erfunden hat. Beim Start ins landesweite Home-Schooling konnte man das gerade heute auch wieder sehen (z.B. Probleme mit Moodle und Iserv): die Schulen mit Office 365, Teams, oder Zoom konnten arbeiten – bei den anderen war es mehr oder weniger holprig.

Die IT-Welt ist da eigentlich schon viel weiter… In Deutschland stehen wir uns da aber mit m.E. falsch verstandenem Datenschutzgehabe und Cloud Paranoia selber im Weg (es soll ja Leute geben, die immer noch behaupten man dürfe wegen DSVGO keine Amazon-Dienste verwenden). Stöhn. Damit lassen wir unsere Schüler halt im Regen stehen.

Aber…. ich wollte ja über die Notaufnahme Ampel schreiben

Natürlich ist unsere Ampel in der aktuellen Implementation kein System für die Ewigkeit, wir haben an vielen Stellen kleine Abkürzungen und Vereinfachungen einbauen müssen, um das Projekt so schnell umsetzen zu können (meine Entwickler-Kollegen bei der Paessler AG, die meinen alten Code für unsere Produkte übernommen haben, rollen an dieser Stelle sicher mit den Augen). Aber das Ziel – eine Übersicht über die Situation der Notaufnahmen in Deutschland aufbauen zu können – haben wir erstmal erreicht. Und keinen Tag zu früh.

Hoffen wir, dass sich die Belastung der Notaufnahmen alsbald wieder bessert (durch Lockdown und andere Maßnahmen), sodass die Notaufnahme-Ampel bald wieder mehr GRÜN melden kann!

Bild von Holger Schué auf Pixabay

Author: Dirk Paessler

CEO Carbon Drawdown Initiative -- VP Negative Emissions Platform -- Founder and Chairman Paessler AG

2 thoughts on “Die Cloud macht’s möglich: IT-Blitz-Projekt “Corona Notaufnahme Ampel””

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