Wie wir aus dem Dauerlockdown-Schlamassel rauskommen: Eine modell-basierte Argumentation

In Deutschland gibt die 3. Welle einer Jahrhundert-Pandemie gerade so richtig Gas, aber unsere Regierung ist gefühlt erstmal in den Osterferien. Nichts passiert. Es gibt sogar Ankündigungen von Lockerungen und Schulöffnungen nach Ostern.

Dabei haben wir keine Zeit. Jeder Tag mehr, den wir ohne Durchgreifen verstreichen lassen, vergrößert den Schaden, das Leid, die Anzahl der Opfer, die Verzweiflung der Bürger.

Durch die Feiertage sehen trügerischer Weise die RKI-Inzidenzwerte gar nicht so schlecht aus. Viel zu gut sind die, durch Ferien, durch weniger Tests und durch Meldeverzögerungen. Das dicke Ende kommt aber dann in den Wochen nach den Ferien – denn wir sind in einem exponentielle Wachstum, das nicht einfach weggeht.

In diesem Artikel möchte ich anhand von Prognose-Szenarien, die ich mit meinem Pandemie-Prognose-Modell berechnet habe, aufzeigen, warum es ohne eine sofortige Verschärfung der Lockdown-Regeln in Deutschland nicht gehen wird, weil die sich sonst ergebenden Schäden immens sind. Jeder, der jetzt keinen Lockdown will, muss das wissen.

Und ich werde zeigen warum wir nach der 3. Welle in eine NoCovid-Strategie wechseln müssen, um die 4. Welle zu vermeiden.

Wichtig: Es folgen Prognosen aus einer Modellrechnung. Wie bei allen Modellrechnungen gehe ich dabei von Annahmen aus, mit denen ich in die Zukunft rechne. Meine Annahmen sind dokumentiert und sind mein “best effort”. Die folgenden Kurven werden sicher nicht im Detail so eintreten, wie gezeigt, alleine weil wir Menschen unser Verhalten anpassen werden, aber sie zeigen mindestens qualitativ, wohin die Reise geht, und was auf uns zu kommt.

Was passiert, wenn wir erstmal nichts weiter tun?

Das Basis-Szenario ist meines Erachtens immer noch:

  • Nach den Osterferien machen Schulen und Kitas wieder (teilweise) auf – obwohl weder ein gutes Hygiene-Konzept noch ein ordentliches Test-Konzept erstellt wurde, bei dem jeder Lehrer und jedes Kind 2-3 Mal pro Woche, noch besser täglich, VERPFLICHTEND getestet wird, und bei dem diese Tests professionell ausgeführt werden (als nicht durch Grundschüler selber oder gar die Lehrer).
    • => Die Folge: R steigt um mindestens 0,05 (sehr optimistische Annahme für mein Modell).
  • In den Firmen und Büros gibt es keine Home-Office-Pflicht und auch keine Verpflichtung, dass jeder Mitarbeiter täglich getestet wird.
    • => Die Folge: R steigt um mindestens 0,05.
  • Nur ein Teil der Landkreise führen die 100er-Notbremse (=zurück auf die Regeln vor 7.3.2021) aus. Im Gegenteil, einige Regionen wollen sogar zusätzliche Öffnungen, oft mit der Ausrede “wir testen ja ein bisschen”. Die Folge sieht man im “Tübinger Modell”, wo das erfolglos ausprobiert wurde. Eine Verdreifachung der Fälle in 2 Wochen war die Folge. Ein brauchbares Testkonzept muss wesentlich besser sein als in Tübingen.
    • => Die Folge: R steigt um mindestens 0,05.

Insgesamt steigt also nach den Osterferien der R-Wert um 0,15 (Wirkung beginnt eine Woche später zum 12.4.). Als Eingabe-Parameter in mein Modell verwende ich also die folgenden Zahlen, und lasse den RWild-Wert von 1 weiterlaufen bis Juni:

Das Ergebnis wäre eine Katastrophe: Mitte Mai hätten wir täglich 60.000 Neuinfektionen, erst dann beginnen die Impfungen zu wirken. Zur Erinnerung: Mein Modell geht von einem sehr optimistischen Impfplan aus:

Über die Intensivstationen würde die 3. Welle mit einem Bedarf von etwa 4 mal so vielen Intensivbetten hinwegrollen wie die 2. Welle, als wir schon kurz vor der Kapazitätsgrenze waren. Insgesamt gäbe es ca. 50.000 Todesopfer, die meisten wären zwischen 60 und 79 Jahren alt (also alt genug für schwere Verläufe, aber zu jung um schon geimpft zu sein).

Dabei ist nicht eingerechnet, dass die Letatilitätsraten noch steigen würden und es weitere Kollateral-Schäden gäbe, weil das Gesundheitssystem unter dieser Last zusammenbrechen wird.

Im August gäbe es außerdem fast 1 Million LongCovid-Patienten, die auch 3-6 Monate nach der Infektionen noch Symptome haben: betroffen sind ca. 12-18% der Infizierten, und zwar auch von den Menschen, die anfangs einen asymptomatischen oder leichtem Verlauf hatten. Etwa 20% davon sind nach 3 Monaten immer noch arbeitsunfähig (LongCovid Daten: Quelle). Der Schaden durch LongCovid für uns als Gesellschaft durch Gesundheitskosten und Arbeitsausfälle wird bisher m.E. deutlich unterschätzt.

Wenn Du mit mir der Meinung bist, dass wir DAS als Gesellschaft verhindern müssen, dann müssen wir auf die Suche nach Alternativen zum diesem Ablauf gehen.

Werden uns die Impfungen retten?

Nein. In den oben gezeigten Modell-Berechnungen ist bereits eine Impfen-was-das-Zeug-hält-Strategie eingerechnet, mit Verschiebung der zweiten Dosis nach hinten, sodass bis Mitte Juni alle Impfbereiten den ersten Piecks hätten. Das sieht in einer Grafik so aus:

Vor Ende Juni hätten wir in meinem Modell – inklusive den Menschen, die schon infiziert waren – fast 85% Schutz erreicht – durch erste Impfung oder Infektion (Datenquelle: RKI). Es fehlen nur noch die weniger Impfwilligen der jüngeren Erwachsenen und natürlich alle unter 16, für die noch kein Impfstoff zugelassen ist. Aber weil wir eben erst im Juni soweit sind, die 3. Welle aber ihren Peak bereits im Mai haben wird, kommen die Impfungen zu spät, um die 3. Welle klein zu halten. Wir müssen etwas anderes tun.

Maßnahmen-Verschärfungen, aber wie?

Aus meiner Sicht müssten wir sehr schnell – in Tagen, nicht in Wochen – entscheiden, dass wir die Lockdown-Regeln so anpassen, dass sich der entsprechende RWild-Wert um etwa 0,2 reduziert. Dies wird schärfere Maßnahmen erfordern als im Januar, weil die Mutation B117 sehr viel ansteckender ist. Erreichen könnte man dies durch die o.g. Maßnahmen: Schulen und Kitas zu (nur Notbetrieb für geprüfte Familien), Home-Office-Pflicht und ein tägliches Testen all der Arbeitnehmer, die nicht von zu Hause arbeiten können. Klar, das ist eine nationale Kraftanstrengung.

Ich würde auch jede andere Kombination von Maßnahmen nehmen, Hauptsache wir senken den R-Wert um 0,2. Aber das muss ganz arg schnell gehen, wie wir gleich sehen werden. Ich kann mit nicht vorstellen, dass wir innerhalb von nur 2-9 Tagen eine nationale Test-Strategie aufsetzen können, die dafür auch nur annähernd gut genug ist. Es ist einfach zu spät, die 3. Welle mit irgendetwas anderem aufzuhalten, als mit einem Lockdown.

Maßnahmen-Verschärfungen, aber wann?

Ich habe mit meinem Modell 5 verschiedene Szenarien durchgerechnet: Einmal, wie es weitergehen würde ohne Maßnahmenverschärfung (rote Linie), und dann habe ich an jedem der nächsten 4 Montage einen R-0,2 Lockdown starten lassen:

Logischerweise wäre es am besten, gleich morgen, am Ostermontag, mit dem Lockdown zu starten. Je früher man anfängt, desto schneller entfaltet sich die Wirkung. Auch ein Start am 12.4. wäre noch irgendwie machbar, insbesondere in den Intensivstationen. Alles was danach kommt, führt in eine immer größere Katastrophe. Nach dem 19.4.2021 können wir es auch fast schon lassen.

Maßnahmen-Verschärfungen, und wie lange?

Wie man in den Grafiken oben sehen kann, wird die 3. Welle am längsten dauern, wenn wir keinen Lockdown machen. Erst Anfang Juli wären wir unter einer Inzidenz von 50. Also da wo wir Anfang Februar schon fast waren. War wirklich eine tolle Idee, das mit den Lockerungen im laufenden Wachstum Ende Februar – entgegen allen Hinweisen aus der Wissenschaft! Seufz.

Abhängig vom Lockdown-Start wird eine Inzidenz von 50 wie folgt erreicht:

  • Lockdown-Start 5.4. => Inzidenz ca. 50 um den 17.5.
  • Lockdown-Start 12.4. => Inzidenz ca. 50 um den 24.5.
  • Lockdown-Start 19.4. => Inzidenz ca. 50 um den 29.5.
  • Lockdown-Start 26.4. => Inzidenz ca. 50 um den 4.6.

Der Lockdown würde also in der Regel ca. 6 Wochen dauern müssen, um die Inzidenz 50 zu erreichen. Um eine NoCovid-Strategie übergehen zu können, sind es nochmal ca. 3 Wochen mehr bis unter Inzidenz 10.

Nach dem Lockdown: Können wir dann wieder alles öffnen?

Kurze Antwort: Nein.

Lange Antwort: Ich habe im Modell berechnen lassen, was – nach einem Lockdown am 12.4.2021 – passiert, wenn wir Anfang Juni auf eine der drei folgenden Strategien umstellen würden:

  • Variante 1: Soweit aufmachen wie letztes Jahr Anfang Oktober 2020 (RWild ca. 1,3)
  • Variante 2: Soweit aufmachen wie im späten Juli 2020 (RWild ca. 1,1)
  • Variante 3: Voll Kontrolle der Ausbreitung, wir lassen kein Ansteigen der Fallzahlen mehr zu, RWild bleibt bei 1,0 => Dies entspricht einer NoCovid-Strategie

Bitte beachten: Ab hier sind wir 3-6 Monate in der Zukunft. Für diese zeitliche Entfernung ist mein Modell nicht mehr ideal geeignet. Aber die folgenden Kurven zeigen uns qualitativ, was passieren könnte, auch wenn die Höhe der Kurven und der Zeitverlauf mit einigen Vorhersagefehlern behaftet sind.

Das Ergebnis dieser Modell-Läufe ist trotzdem eindeutig (und zeigt das gleiche Ergebnis wie Profi-Modelle):

  • Variante 1: Wir gehen direkt über in eine riesige 4. Welle
  • Variante 2: Der Sommer bleibt ruhig, dann startet die 4. Welle im November
  • Variante 3: Wir behalten alles im Griff

Wenn man sich die Variante 1 mal genauer anschaut, sieht man, dass in meiner Modellrechnung pro Tag fast 50.000 Kinder positiv getestet werden würde in der 4. Welle. Das ist die Altersgruppe, die noch gar nicht geimpft ist. Hinzu kommen noch einige Tausend Fälle aus der Gruppe der Ungeimpften aller Altersgruppen.

Und damit nähern wir uns dann an eine Rate von 90% der Infizierten oder Geimpften an.

Es gibt zwar keine Sterbewelle mehr, und auch die Kliniken werden in dieser 4. Welle nicht mehr überflutet, aber das Ergebnis wäre eine immense LongCovid-Welle bei den Kindern und Jugendlichen, wie die rechte Grafik zeigt:

Was ist mit weiteren, neuen Mutationen?

Die gesamten Betrachtungen hier berücksichtigen nicht die Möglichkeit, dass sich auch noch weitere, neue Mutationen in Deutschland ausbreiten könnten. Diese könnten nochmals ansteckender oder virulenter sein, die Wirkung der Impfungen aufheben, usw. Ich hoffe nicht, dass ich nochmal einen Artikel wie “Mutation B.1.1.7 ist fast wie wenn eine neue Pandemie starten würde (während die letzte noch nicht rum ist)” (3. Januar 2021!) schreiben muss über die nächste böse Mutation. Dann bräuchte es auch eine neue Berechnungs-Modell-Generation.

Die Infektionszahlen so niedrig wie möglich zu halten, ist in unser aller Interesse, auch um das Thema Mutationen im Griff zu behalten.

Darum: NoCovid!

Wie wir gesehen haben: Auch nach der 3. Welle – egal ob mit oder ohne Lockdown – sind wir nicht fertig mit der Pandemie. Auch danach werden wir noch daran arbeiten müssen, die Pandemie zu kontrollieren. Und dies wird insbesondere die jungen Menschen betreffen, das heißt dass wir die Schulen sicher machen müssen. Normalen Schulbetrieb werden wir nur machen können, wenn wir mit smarten Maßnahmen dafür gesorgt haben, dass die Schulen nicht wieder ein Drehkreuz der Pandemie werden. Bis nach den Ferien haben wir Zeit, uns darauf vorzubereiten. Hoffentlich kommt diese Einsicht in den Kultusministerien auch an.

Wie geht’s dann weiter: Die NoCovid-Initiative hat eine Sammlung von Toolboxen für unterschiedliche Bereiche vorgestellt, um eine Niedrig-Inzidenz-Strategie umzusetzen, die möglichst breite Öffnungen erlaubt.

Zum Abschluss noch ein Video-Tip

Author: Dirk Paessler

CEO Carbon Drawdown Initiative -- VP Negative Emissions Platform -- Founder and Chairman Paessler AG

4 thoughts on “Wie wir aus dem Dauerlockdown-Schlamassel rauskommen: Eine modell-basierte Argumentation”

  1. Sehr geehrter Herr Paessler.

    Vielen Dank für ihre Modellierung.

    Den Impf-Fortschritt schätze ich pessimistischer ein, als von Ihnen angenommen, da ich nicht glaube, dass wir zum Erstimpfungs-Modell wechseln.

    Die Schutzquote der Impfung von 80 % halte ich für zu konvervativ geschätzt. Selbst die CDC schreibt, dass die Impfung zwei Wochen nach der zweiten Dose zu 90 % schützt:

    “Results showed that following the second dose of vaccine (the recommended number of doses), risk of infection was reduced by 90 percent two or more weeks after vaccination.”

    Mit freundlichen Grüßen
    Martin J

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  2. Bezüglich “Nach dem Lockdown: Können wir dann wieder alles öffnen?”
    Ich ahne, dass Variante 1 das Worst-Case-Szenario ist-) trotzdem: Inwiefern sind die Auswirkungen einer Saisonalität mit mehr Aufenthalt im Freien und der Möglichkeit besser zu lüften, insgesamt mit eingerechnet?

    Ich halte Variante 2 für realistisch, da Impfungen bei Erwachsenen langsam in Fahrt kommt, und die Temperaturen Lüften und mehr Aufenthalt im Freien erlauben.

    Ich bin aber vorsichtig optimistisch, dass wir allerspätestens Herbst auch Impfungen für U18 haben werden- Untersuchungen mit BioNTech und Moderna laufen ja bereits und die geben Anlass zu Hoffnung. Zusammen mit einer Saisonalität und den Impfungen bei den Erwachsenen, sollte so die 4. Welle verhindert werden können- solange nicht P1 rüberschwappt.

    Wenn doch letzteres- hoffentlich konsequente Umsetzung von NoCovid!

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