Warum ein Schnelltest nur 6-8h gültig ist (und warum das RKI nur scheinbar etwas anderes sagt)

Mit Corona-Schnelltests können wir zwei Strategien verfolgen:

  • Schnelltests können ein Werkzeug sein, mit denen wir bei individuellen Begegnungen auch während einer Pandemie versuchen können eine gewisse Normalität zu leben (oder den Besuch von Geschäften/Veranstaltungen zu schützen)
  • Schnelltests können helfen Ausbrüche (z.B. im Büro oder in der Schule) früher zu erkennen als wenn wir einen Ausbruch erst bemerken, wenn der erste Infizierte Symptome hat

Diese beiden Strategien haben unterschiedliche Ziele und unterscheiden sich in drei Aspekten grundlegend: 1. Wie lange man ein negatives Testergebnis für wirksam erachtet und damit auch 2. wie oft man testen muss. Und insbesondere: 3. welches strategische Ziel man verfolgt.

Strategie 1: Schnelltests als weitere Käsescheibe

Wenn wir anderen Menschen begegnen wollen (oder müssen) wenden wir alle schon eine ganze Reihe von Strategien an, um die Gefahr einer Ansteckung zu senken: Abstand halten, Masken, lüften oder draußen treffen, Hände waschen, usw. Jede einzelne Maßnahme alleine kann Ansteckungen nicht verhindern, aber wenn man mehrere Maßnahmen kombiniert, ergibt sich ein immer besserer Schutz.

Das kann man sich wie einen Stapel Käsescheiben vorstellen: Jede Scheibe hat zwar Löcher, aber aufeinandergelegt verdecken die Scheiben dann die ganze Fläche:

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Schweizer-K%C3%A4se-Modell

Eine sehr gute “Scheibe” in diesem Sinne sind die Schnelltests: Bevor man sich trifft machen alle Beteiligten einen Test, und man trifft sich nur, wenn alle negativ sind. Ein negatives Schnelltestergebnis sagt uns, dass die Person sehr wahrscheinlich jetzt gerade nicht sehr ansteckend ist, sie könnte aber trotzdem noch infiziert sein und der Test könnte dies nicht entdeckt haben. Außerdem muss man aber beachten, dass so ein Schnell-Testergebnis nur 6-8h gültig ist (Erklärung kommt weiter unten).

Diese zusätzliche Käsescheibe “Schnelltests” macht also die anderen Maßnahmen nicht überflüssig. Die Stuttgarter Zeitung schreibt dazu: “Ein negatives Schnelltestergebnis ist immer nur eine Momentaufnahme, die nicht dazu verleiten sollte, die geltenden Hygiene- und Abstandsregeln zu vernachlässigen. Diese sollten auch weiterhin eingehalten werden, um sich selbst und andere im Falle einer unerkannten Infektion zu schützen.”

Das oberste Ziel dieser Strategie ist es, möglichst jede einzelne Ansteckung zu vermeiden. Die Teilnehmer am Treffen können sich halbwegs sicher dabei fühlen. Das ist bei der zweiten Strategie ganz anders.

Strategie 2: Schnelltests zum Aufdecken von Ausbrüchen

Beim Einsatz von Schnelltests in Schulen und Büros kann man auch das gleiche Ziel wie Strategie 1 verfolgen, also möglichst jede Infektion zu vermeiden. Aber dies bedeutet, dass man JEDEN Teilnehmer JEDEN TAG morgens erstmal testen muss, weil die Tests eben nur 6-8h gültig sind.

Das ist natürlich ein hoher Aufwand und deswegen wird diese Strategie in vielen Bundesländern z.B. in den Schulen leider “aufgeweicht” und man macht nur 2x pro Woche einen Schnelltest mit allen. Im schlechtesten Fall ist das dann auch noch freiwillig und nicht verpflichtend für alle. Oder die (Grund-)Schüler testen sich sogar noch selbst. Und mit jeder “Lockerung” schwächt man die Wirkung. Seufz.

Tatsächlich ist das Ziel der Strategie 2 aber: Man will nicht mehr möglichst alle Infektionen vermeiden, sondern man möchte nur noch aufdecken, wenn es in einer/m Gruppe/Klasse/Büro einen Ausbruch gibt, den man am zweiten oder dritten Tag anhand von einem oder mehreren positiven Testergebnissen der Angesteckten erkennt. Dann testet man alle per PCR und steckt die Infektiösen in Isolation um die weitere Ausbreitung zu stoppen. Damit bremste man zwar die Ausbreitung der Pandemie etwas, aber nimmt ggf. eine ganze Reihe von Infektionen in Kauf. Eine oder mehrere Personen wurden trotz Schnelltests angesteckt, diese Käsescheibe war zu löchrig.

Das ist gemeint, wenn das RKI von “pragmatischen Gesichtspunkten” spricht im Zusammenhang mit einer Gültigkeit von 24h:

aus: RKI: Nationale Teststrategie, Stand 1.4.2021

Ähnlich “pragmatische” Gedanken führen auch dazu, dass man mit einem 48h (!) alten Schnelltest nach Deutschland einreisen darf, was in diesem Sinne auch nicht sicherstellt, dass man keine neuen Infektionen ins Land lässt.

Was man für sich individuell als “gravierende Konsequenzen” definiert, das darf dann jeder für sich entscheiden. Und damit wird auch jeder Einzelne für sich herausfinden müssen, ob er sich mit dieser Strategie wohl fühlt.

Übrigens, 12-18% der Infizierten aller Altersgruppen (auch die, die keine Symptome haben), leiden noch Wochen später unter LongCovid (Quelle: UK-Studie). Beim Deutschlandfunk gibt es einen guten Grundlagen Artikel zu den Spätfolgen.

Warum ein Schnelltest nur 6-8 Stunden gültig ist

Die folgende Grafik zeigt das Problem:

Am Ende der Inkubationszeit, zwischen dem 3. und 5. Tag nach Ansteckung, steigt die Viruslast sehr steil an, ansteckend ist man etwa zwischen Tag 4 und Tag 10. Die PCR Tests “sehen” diesen Verlauf, weil sie sehr empfindlich sind. Aber weil die Schnelltests nicht so empfindlich sind und am besten bei hohen Viruslasten “anschlagen” zeigt in der Grafik oben nur einer der Schnelltests (roter Kringel) die Infektiosität, die beiden blau umkringelten Schnelltests bleiben negativ, obwohl diese Person für mehrere Tage ansteckend ist. Damit man insbesondere den aufstrebenden Teil der Kurve nicht verpasst, muss man alle 6-8h den Schnelltest wiederholen, um mit großer Wahrscheinlichkeit eine ansteckende Person erkennen zu können.

In einem Spiegel-Interview unter dem Titel “»Man muss Schülern einbläuen, dass sie schon am Nachmittag infektiös sein können«” wird Volkmar Weckesser zitiert mit dem Satz: “Zumindest sind Antigentests nicht für alle Situationen die richtige Antwort. Für einen sehr kurzfristigen Zeitraum mögen sie funktionieren, wenn Menschen Abstand einhalten können, Masken tragen und Hygienemaßnahmen ernst nehmen. Man kann alle Schüler morgens mit einem Antigentest testen, muss ihnen aber einbläuen, dass sie schon am Nachmittag infektiös sein können. Eine PCR-Testung bietet dagegen eine Sicherheit für bis zu 48 Stunden, weil sie hochsensitiv ist.”

Die Stuttgarter Nachrichten schreiben dazu: “Wie lange ist ein negatives Testergebnis gültig? Wie lange das negative Ergebnis gültig ist, lässt sich nicht genau sagen. Das RKI schreibt dazu, die Aussagekraft solcher Selbsttests sei zeitlich begrenzt. Somit könne es durchaus möglich sein, dass eine negativ getestete Person am nächsten Tag positiv getestet wird, sofern sie mit COVID-19 infiziert und die Viruslast im Nasen-Rachenraum angestiegen ist. Auf der Seite der Bundesregierung heißt es zu den Schnelltests, bei einem negativen Ergebnis könne man mit großer Wahrscheinlichkeit in den nächsten Stunden niemanden anstecken. Das negative Ergebnis sollte daher lediglich über einen Zeitraum von mehreren Stunden als solches verstanden werden. Im Idealfall würde man also vor jeder Zusammenkunft mit anderen Personen einen neuen Schnelltest auszuführen, um das Risiko einer Ansteckung so gering wie möglich zu halten.

Warum für Strategie 1 auch Geimpfte immer noch einen Schnelltest brauchen

Unser Gesundheitsminister wurde gestern in der Presse mit folgendem Satz zitiert: „Wer vollständig geimpft wurde, kann in Zukunft wie jemand behandelt werden, der negativ getestet wurde“. Das klingt jetzt so, als wäre das das Gleiche. Erst wenn man weiterliest steht da: “Wenn die dritte Welle der Corona-Pandemie gebrochen sei und weitere auf Schnelltests beruhende Öffnungsschritte wie beim Einzelhandel gegangen würden, käme diese Grundsatzentscheidung zum Tragen.” Grundlage ist eine bisher unveröffentlichte Studie des RKI.

Hier geht es also darum, dass man – aus pragmatischen Gründen – beim Einlass in ein Geschäft oder ein Hotel einen Geimpften als ebenso wahrscheinlich “nicht ansteckend” ansieht, wie jemanden, der einen negativen Test vorweist. Und das auch nur “nach der 3. Welle”, also wenn die allgemeine Infektionslage wieder viel niedriger liegt. Nicht aber während einer Welle. Nach der 3. Welle heißt übrigens auch, dass die meisten von uns bis dahin geimpft sind.

Was ja auch alles in großen Stückzahlen ggf. vernünftig ist: die Wahrscheinlichkeit, dass der Test korrekt ist, liegt nicht viel besser als die Wahrscheinlichkeit, dass ein Geimpfter jmd. ansteckt (80% der Ansteckungen werden vermieden). Aber das gilt nur für Strategie 2.

Aber: Für Strategie 1, die versuchen will Ansteckungen bei Begegnungen möglichst auszuschließen, reicht die 80% Absenkung der Ansteckungsgefahr durch Impfung eben nicht aus (insbesondere wenn die betreffende Person ggf. oft/viel exponiert ist). Die Impfungen führen nicht zur “sterilen Immunität”. Daher ist es vernünftig, auch Geimpfte noch vor einer Begegnung doch noch zu testen, um wieder eine Käsescheibe mehr zu haben, damit sich die Ungeimpften wohl fühlen können damit.

Allgemeine Tips zu Schnelltests

Hier noch ein paar Hinweise für verläßlichere Schnelltests:

  • Schnelltests müssen penibel genau im vom Hersteller angegebenen Temperaturbereich gelagert werden (draußen, im Auto, in der Sonne!)
  • Auch bei der Testdurchführung darf es nicht zu kalt oder zu warm sein.
  • Ablesen des Tests genau nach vom Hersteller angegebene Zeit (oft 15 oder 20 Minuten)
  • Auch der kleinste Strich ist “positiv”, wie im Bild von Sandra Ciesek zu sehen ist: Auch der 4. Test von links ist noch positiv!

Wahrnehmung von Schnelltests

Die Annahmen über die Zuverlässigkeit von Schnelltests sind noch weit von der Wahrheit entfernt, wie die aktuelle COSMO Befragen ergeben hat. Von 1000 positiven Tests sind 206-286 tatsächlich positiv, das wird deutlich unterschätzt. Von 1000 negativen Tests ist EINER tatsächlich NICHT negativ, aber die meisten Menschen schätzen Schnelltests als viel unzuverlässiger ein.

Die Cosmo Studienautoren schreiben dazu: “Zeigen Selbst- und Schnelltests an, dass keine Corona-Infektion vorliegt (ein Strich, negatives Ergebnis), stimmt dieses Ergebnis in den allermeisten Fällen. Zeigen sie dagegen an, dass man sich mit dem Corona-Virus infiziert hat (zwei Striche, positives Ergebnis), kann dieses Ergebnis auch falsch sein. Da unterschätzt wird, wie gut Schnelltests sind, sollte unvorsichtiges Verhalten vermieden werden. Eine konkrete Handlungsempfehlungen könnte lauten: „Bei positivem Selbst- oder Schnelltest vereinbaren Sie umgehend einen PCR-Testtermin mit Ihrem Hausarzt/Ihrer Hausärztin“. Die Zuverlässigkeit negativer Tests wird ebenfalls unterschätzt, jedoch wissen wir aus früheren Befragungen, dass Personen häufig denken, dass das Testergebnis auch noch am Folgetag gilt.

Author: Dirk Paessler

CEO Carbon Drawdown Initiative -- VP Negative Emissions Platform -- Founder and Chairman Paessler AG

One thought on “Warum ein Schnelltest nur 6-8h gültig ist (und warum das RKI nur scheinbar etwas anderes sagt)”

  1. Vielen Dank für die anschauliche Darstellung. Meine Frau ist Lehrerin und wird zweimal pro Woche getestet – und fühlt sich von ihrem Arbeitgeber nicht gut geschützt.

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