Der Pandemie-Tanz am Abgrund: Was wir über den Sommer tun entscheidet wie unser Herbst wird

Man kann das glaube ich nicht oft genug sagen: Egal wie der Sommer wird (hoffentlich erträglich und vielleicht sogar schön), wir müssen uns drauf einstellen, dass ab etwa September die Inzidenzen wieder hochgehen werden. Die Pandemie geht nicht einfach weg.

Und zwar aus vier Gründen:

  • Im September läuft die “Saisonalität” aus, die uns im Sommer eine abgesenkte Ansteckungsrate schenkt (siehe Lexikon der Pandemie: “Saisonalität”).
  • Zu Schulbeginn treffen Millionen von ungeimpften U16 aufeinander (bis dahin ist keiner unter 16 wirksam geimpft), das sind ca. 20% der Bevölkerung!
  • 40-50% der Erwachsenen unter 50 wollen sich (zumindest z.Zt.) nicht impfen lassen (Quelle).
  • Die niedrigen Inzidenzen im Sommer werden Lockerungen und damit schon vorab ein Ansteigen der Inzidenzen auslösen.

Wie tief wir die Inzidenzen über den Sommer runterbringen wird entscheidend dafür sein, wie der Herbst abläuft. Wenn wir uns über den Sommer eine zu hohe Inzidenz “leisten”, werden wir dafür die Zeche im Herbst bezahlen.

Sollten uns noch Mutationen dazwischen funken, wird es noch wichtiger gut über den Sommer zu kommen.

Selbst grobe Vorhersagen für die nächsten 4-16 Wochen sind aktuell sehr schwierig

Während der weitere Verlauf für die nächsten 3-4 Wochen noch ganz gut vorherzusagen ist im Moment (es geht runter, jawoll!), gibt es beim weiteren Verlauf enorme Unsicherheiten, weil wir nicht wissen, welche Verhaltensweisen und Entscheidungen getroffen werden – aber wir wissen zumindest mathematisch schon welche Varianten es geben könnte.

Sobald die Inzidenzen runtergehen startet sofort wieder die Diskussion, was wir alles aufmachen und lockern sollen (was ja völlig verständlich ist). Was das Ergebnis dieser Diskussionen sein wird, scheint mir im Moment kaum absehbar.

Aber es gibt dabei drei Probleme:

  • Aus meiner Sicht sind wir zu früh dran damit: frühestens ab Juni sind wir m.E. mit den Impfungen so weit gekommen, dass Öffnungen bei knapp unter Inzidenz 100 nicht sofort wieder ein Ansteigen verursachen.
  • Wir bewegen uns mit dem Ausmaß der Öffnungen an einem Abgrund entlang, das ist eine ganze knappe Sache, die Situation ist nicht stabil.
  • Jede weitere Lockerung steigert die Inzidenzwerte über den Sommer. Wie der Herbst wird, das hängt ganz maßgeblich auch davon ab, wie hoch oder niedrig und mit welchem Trend wir in den Herbst reingehen.

Alle drei Punkte kann man an dieser Grafik ablesen: Hier zeige ich verschiedene mögliche Verläufe am Beispiel der Stadt Fürth (die grauen/gepunkteten Linien sind übrigens meine Prognosen der letzten 3 Wochen):

RKI Daten bis KW17, danach eigene Modellrechnungen

Die rote, grüne und blaue Linie zeigen meine Prognosen für drei nur um 5 Hunderstel unterschiedliche R-Werte für den Sommer. Wobei hier R-Werte des Wild-Typs des Corona-Virus gemeint sind (“RWild“), aus denen mein Modell den R-Wert für jede Kalenderwoche unter Berücksichtigung von Mutationen, Impfungen, Saisonalität usw. ausrechnet.

Zur Einordnung: Man kann ganz grob sagen, dass das Öffnen der Schulen den R-Wert um ca. 0,1 erhöht. Der Unterschied zwischen der grüne Linie und der blauen Linie wäre also das Öffnen der Schulen. Wenn man sich die lange Wunschliste der anderen Lockerungen anschaut, die gerade diskutiert wird, wird schnell klar, dass wir um mehr als 0,1 hin und her diskutieren.

Die Modell-Prognose zeigt aber, dass schon beim RWild von 1,35 die Inzidenz im September wieder über 100 gehen würde und die Bundesnotbremse auslösen würde (wenn das Gesetz im Juni überhaupt wieder verlängert wird! Noch so eine Unsicherheit!). Natürlich weiß mein Modell nicht genau, ab dieser Effekt genau beim Wert 1,35 passiert. Was wichtig ist, ist dass wir verstehen, dass wir laut Modellrechnung nur sehr wenig Handlungsspielraum haben.

Bei welchem R-Wert RWild werden wir liegen im Sommer? Deine Schätzung ist so gut wie meine. Ich wünsche mir 1,25 oder weniger, ich befürchte aber, dass wir am Ende drüber liegen.

Schauen wir uns also die drei Kurven (rot, blau, grün) im Vergleich an: Mitte Mai wird Fürth unter 100 sinken, und die Notbremse lösen, und ab da unterscheiden sich die Verläufe der Modellrechnungen:

  • blau (RWild=1,35): Es käme 2 Wochen später erneut zu Inzidenz>100, die Bundesnotbremse zieht erneut. Erst beim zweiten Lösen wäre die Wirkung der Impfungen groß genug, um die Inzidenz nicht wieder sofort auf über 100 steigen zu lassen. Danach bliebe die Inzidenz um 50 um dann im September wieder steil anzusteigen.
  • rot (RWild=1,3): Auch die rote Linie würde erstmal wieder hoch gehen, erneute Notbremse 3 Wochen später. Der Sommer würde etwa bei Inzidenz 30 liegen und im Herbst geht es hoch um an Weihnachten bei knapp unter 100 zu liegen. Dann würden die von mir eingeplanten Impfungen bei den Kindern wirken und vermeiden die erneute Notbremse.
  • grün (RWild=1,25): Nach dem Lösen unter 100 bliebe die Inzidenz unter 100 und sinkt sogar den ganzen Sommer ab. Im Herbst hätten wir gerade so schnell die Kinder geimpft, dass die Inzidenzen immerhin unter 50 bleiben.

Zusätzliche habe ich noch berechnen lassen (orange Linie), was wäre, wenn wir die Notbremse runter bis 35 aktiv lassen würden. Damit würden wir die Notbremse auch nur 3 Wochen später öffnen (zu dem Zeitpunkt wäre bei rot und blau die Notbremse gerade schon wieder erneut aktiv!). Danach bleibt die Inzidenz sehr niedrig und auch der Herbst wird sehr überschaubar. Insbesondere ist in der “orangen Variante” die Zukunft der nächsten Wochen für Bürger und Firmen “berechenbar”, weil keine weitere, plötzliche Notbremse droht. Klare Sache: Das ist die Variante, in der ich gerne leben möchte!

Mir geht es wie Prof. Meyer-Hermann: Ich verstehe nicht, warum wir die Notbremse nicht bei 35 machen.

Im Herbst betrifft es maßgeblich die Kinder

Was man sich klar machen muss: Wenn die Erwachsenen im Herbst zu 60-70% geimpft sind, dann sind die Kinder und Jugendlichen die letzte homogene Gruppe, die normalerweise viele soziale Interaktionen hat und dabei immer noch immun-naiv sind. Da könnte das Virus so richtig loslegen – Corona-Party im Klassenzimmer. In meinem Modell ergeben sich da für RWild=1,3, also den mittleren der o.g. Fälle, Inzidenzen von 500-700 für die Gruppe der unter-12-Jährigen (die 12-16 Jährigen würden in meinem Modell schon ab August geimpft).

Bei Inzidenz von 700 ist an keinen normalen Unterricht zu denken, dann ständig sind Klassen in Quarantäne/Isolation. Von den vielen an LongCovid erkrankten Kindern ganz zu schweigen: Ca. 7-12% der Infizierten bekommen einige Wochen nach der Infektion LongCovid, selbst wenn sie anfangs keine Symptome hatten.

Dabei sind die jungen Menschen jetzt schon die Bevölkerungsgruppe mit den meisten Infektionen (hier für Fürth gezeigt), siehe helle Farben rechts oben:

Jetzt für den Schulanfang im Herbst vorbereiten!

Es bleibt eine Herkulesaufgabe, für Schulbeginn im Herbst wirklich wirksame Konzepte für die Schulen vorzubereiten, insbesondere für die Grundschulen. Konzepte die Schule möglich machen können, ohne eine 4. Welle bei den Kindern auszulösen. Wenn man das nicht mit Fernunterricht machen will, hat man jetzt 3-4 Monate Zeit, andere Konzepte vorzubereiten.

ODER

Man sorgt dafür, dass wir mit einer sehr niedrigen Inzidenz aus dem Sommer rausgehen (Inzidenz unter 20 oder 10). Dann können wir vielleicht – mit etwas weniger aufwändigen Schutzkonzepten und sehr gutem Test-Trace-Isolate durch die Gesundheitsämter – die Schulen aufmachen. Und wir müssen so schnell wie möglich impfen.

Aber eins scheint mir sicher zu sein: Die Pandemie kommt im Herbst wieder zurück – auch ohne Mutationen. Alle Lockerungen, die wir jetzt machen, werden wir im Herbst ggf. auf den Prüfstand stellen müssen. Oder noch besser: Wir koppeln die Lockerungen jetzt gleich an bestimmte Ende-Trigger-Regeln, dann kann sich die Bevölkerung darauf einstellen, dass es auch wieder Rückschritte geben kann.

Author: Dirk Paessler

CEO Carbon Drawdown Initiative -- VP Negative Emissions Platform -- Founder and Chairman Paessler AG

2 thoughts on “Der Pandemie-Tanz am Abgrund: Was wir über den Sommer tun entscheidet wie unser Herbst wird”

  1. Hr. Paessler, wie kommen sie denn zu dem R-Wert von 1,35 ? Unterschätzen sie damit nicht ein wenig den Impfeffekt?

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    1. Mein Modell geht aus vom R-Wert des Wildtyps, den wir auch im letzten Jahr historisch anschauen können (welche Maßnahmen machen welchen R-Wert). Dann wird von 1,35 Impfungen (die verändern sich ja wöchentlich), Saisonalität usw. runtergerechnet.

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