Wieso könnte es im Herbst trotz Impfungen nochmal eine Welle geben?

Die häufigste Frage zu meinen Modellrechnungen geht in etwa so: “Wir sind doch alle bis Juli geimpft, warum errechnet Dein Modell trotzdem noch so viele Neuinfektionen?”. Die Antwort ist: Weil sich noch viele Millionen Menschen anstecken können, auch im Herbst noch!

Ich habe das mal durchgerechnet, und komme auf folgende Zahlen: Es sind aktuell zwar 37% das erste mal geimpft, aber 60 Mio (=3/4 aller Einwohner) können sich stand heute immer noch anstecken! Anfang September sind es immer noch 30 Mio!

Der folgende Blogartikel erklärt, wie diese Zahlen entstehen:

Mathematische Grundlagen

Aus der Inzidenz einer Kalenderwoche entsteht die Inzidenz der Folgewoche. Dabei gibt es drei zentrale Parameter, die bestimmen, wie viele Neuinfektionen von einer auf die andere Woche stattfinden:

  1. Wer steckt an? Der wichtigste Ausgangswert ist die Anzahl der Infizierten der aktuellen Woche: Aktuell sind das lt. RKI Dashboard 60.549 Menschen, was wir in die Inzidenz von 73 umrechnen.
    Grundsatz: Wenn mehr infektiöse Menschen im Land herumlaufen, können mehr Menschen angesteckt werden.
  2. Wieviel Gelegenheit gibt es sich anzustecken? Eine Neuinfektion kann nur entstehen, wenn ein Infizierter auch jemanden trifft, der noch infiziert werden kann.
    Grundsatz: Je mehr Kontakte wir alle haben, um so wahrscheinlicher wird es, dass ein Infizierter einen oder mehrere andere ansteckt.
  3. Wie viele können noch angesteckt werden? Je mehr Menschen geimpft wurden oder infiziert wurden, um so unwahrscheinlicher wird es, dass ein Infizierter noch jemanden anstecken kann.
    Grundsatz: Je mehr Menschen geimpft sind, um so mehr wird das Virus ausgebremst

Aus diesen drei Parametern ergeben sich also drei Strategien, die Ausbreitung des Virus zu bremsen:

  1. Eine möglichst niedrige Inzidenz anstreben (“Niedrig-Inzidenz-Strategie”): dann laufen nur so wenige ansteckende Menschen herum, dass es nur zu sehr wenigen Neuinfektionen kommt.
  2. Die Anzahl der Kontakte senken, durch Verhaltensänderung, die wenn nötig mit staatliche Regelungen erreicht werden (“Lockdown”)
  3. Möglichst viele Menschen impfen, die dann durch die Impfung vor schweren Verläufen geschützt sind und das Virus nicht mehr so häufig weitergeben

Das ist natürlich alles nichts neues. Aber mir scheint, dass viele Menschen – inklusive viele Politiker – meinen, dass sie die beiden Strategien #1 (Inzidenz runter) und #2 (Kontaktvermeidung) jetzt einfach ad-acta legen können, weil wir doch so toll impfen.

Die Fehlannahme, dass Impfen reicht

Die Annahme, dass Impfen reichen wird, um uns gut durch den Sommer zu bringen, scheint mir nicht begründet zu sein. Weil wir…

  1. … weil wir zu langsam impfen
  2. … weil wir für U16 noch keine Impfstoffe haben
  3. … weil es eine nennenswert große Gruppe gibt, die sich nicht impfen lassen will.
  4. … weil es nach Erstimpfung 8 Wochen oder mehr dauert, bis der Impfschutz voll da ist
  5. UND: … weil sich bereits eine wesentlich ansteckendere Variante ausbreitet.

Der letzte Punkt ist ein übler Problemverstärker: Wenn sich die Befürchtungen bestätigen sollten, dass die “indische Variante” tatsächlich wesentlich ansteckender ist als B.1.1.7, dann wird diese Variante in einigen Wochen das Infektionsgeschehen in Deutschland übernehmen (B.1.1.7 hat nur 14 Wochen gebraucht von 2% auf 90%). Das würde uns den Sommer versauen. Diese Welle käme für uns einfach zu früh.

Die Impfquote

Wir impfen zu langsam, weil wir zu wenig Impfstofflieferungen haben. Der Spiegel schreibt unter der Überschrift : “Der Biontech-Frust — Warum Millionen Ungeimpfte noch monatelang warten müssen”:

“Bis zum 4. Juli [..] stehen insgesamt nur gut zehn Millionen Dosen Biontech und Moderna für noch nicht geimpfte Menschen bereit. Die Anzahl der Menschen ab 16 Jahren, die bislang noch nicht geimpft wurden, ist rund viermal so groß. Obendrauf kommen weitere drei Millionen 12- bis 15-Jährige. “

Dann ist die Frage, wie viele Menschen sich tatsächlich impfen lassen wollen. Da gibt es Umfragen, die kommen auf 75%. Bei näherem Hinsehen sind das aber Umfragen unter “Wahlberechtigten”, d.h. alle nicht-wahlberechtigten (z.B. Immigranten ohne dt. Staatsbürgerschaft, es gibt viele Einwanderer-Communities in Deutschland, die traditionell gegen Impfen sind) und alle Kinder unter 18 sind da nicht dabei – hinzu kommt unsere Alterspyramide, die auf dem Kopf steht. Damit fragt man in der Umfrage mehr Alte, die sich eher impfen lassen wollen, als die Jungen.

Wenn man sich das altersbasiert anschaut, sieht das schon etwas anders aus:

Auch in Ländern, die schon weiter sind mit dem Impfen, wird es ab 50-70% Impfrate immer schwerer den Rest noch zur Impfung zu überzeugen.

Was ich sagen will: Wir können über einzelne dieser Zahlen vortrefflich streiten, und jede neue Umfrage wird neue Zahlen bringen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir selbst bis Ende des Jahres keine Impfquote über 80% schaffen werden. Schon für B.1.1.7 bräuchten wir 80% für die Herdenimmunität, für B.1.617.2 wird der Wert wohl noch höher liegen.

Daraus ergibt sich also folgende Grafik der Impfraten: Wir haben zwar schon 37% der Menschen das erste Mal geimpft, aber es zieht sich noch bis in den August bis die impfwilligen Erwachsenen geimpft sind, dann die 12-16 Jährigen und optimistischer Weise gehe ich davon aus, dass ab November auch die U12 geimpft werden können.

Die Impfung schützt nicht 100% vor Ansteckung

Glücklicherweise schützt die Impfung über 90%, in einigen Studien sogar bis zu 100% vor schweren Verläufen, Intensivstation oder Tod. Super.

Aber für den Verlauf der Pandemie ist es nicht ganz unwichtig, dass die Impfung nicht vollständig vor Ansteckung, und damit vor Weitergabe der Infektion schützt. Die erste Impfung vermeidet 30% der Neuansteckungen und 14 Tage nach der zweiten Impfung (also 8 Wochen nach Erstimpfung) wird eine Ansteckung zu 90% verhindert (Quelle).

Wir müssen also den Impfschutz über den Zeitverlauf berechnen und können nicht einfach von der Anzahl der Erstimpfungen ausgehen. Dadurch ergibt sich die Zeitverschiebung zwischen der oben gezeigten Impfwelle und der “Wirk”-Welle, also bis die Personen tatsächlich wirkungsvoll geschützt sind.

Die Saisonalität hilft uns im Sommer

Wie viele andere Modellierer gehe ich davon aus, dass im Sommer die Ansteckungsrate um 20% niedriger ist als im Winter. Wenn ich die damit etwas niedrigere Gefährdung einer Ansteckung für die verschiedenen Altersgruppen in einer Grafik zeichne, können wir diese Delle gut sehen, insbesondere bei den ungeimpften Kindern und Jugendlichen.

Diesen “Rückenwind” können wir verwenden, um die Fallzahlen schneller zu senken, oder – so wie man das gerade allerorten sieht – um zu lockern und weiter zu öffnen.

Das Blöde ist, dass diese Saison-Wirkung im Herbst ausläuft, um im September immer noch 30 Millionen Menschen infiziert werden könnten. Und die Schüler und Kita-Kinder sind dann die am meisten gefährdete Altersgruppe.

Bis Sommer zählt Geschwindigkeit, dann die Überzeugungsarbeit

Die hier gezeigten Grafiken verändern sich – insbesondere das Bild im Herbst – nicht sehr, wenn ich eine doppelt so hohe Impfrate annehme. Bis August könnten wir die Impfwilligen tatsächlich geschafft haben. Aber dann kommt Phase 2 der deutschen Impfaktion: Dann wird es darum gehen, die Zögerer und Zauderer zu überreden, dass sie sich doch impfen lassen.

PS: Wie schon erwähnt: Wir können über viele der hier verwendeten Zahlen vortrefflich streiten. Aber plus 10% hier oder minus 5% da werden den Zeitverlauf und den Gesamtzusammenhang m.E. nicht großartig verändern. Wenn Du Argumente oder bessere Zahlen hast, die meine Darstellung grundlegend verändern, dann möchte ich davon hören! Twitter: @dpaessler.

Author: Dirk Paessler

CEO Carbon Drawdown Initiative -- VP Negative Emissions Platform -- Founder and Chairman Paessler AG

2 thoughts on “Wieso könnte es im Herbst trotz Impfungen nochmal eine Welle geben?”

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