5 Szenarien für den Herbst: Verursacht Bundestagswahl (indirekt) Lockdown im Herbst?

Mit meinem Pandemie-Modell (inzwischen in Version 12) habe ich versucht den Raum der möglichen weitere Entwicklungen für die nächsten 2-4 Monate zu erforschen bzw. zu verstehen.

Die Kurzfassung der Erkenntnisse lautet:

  • Die einzig smarte Vorgehensweise wäre jetzt sofort einen Teil der Lockerungen im ganzen Land zurückzunehmen und die Impfungen für junge Erwachsene massiv attraktiver zu machen.
  • Wenn wir das mit einer durch-Wahlkampf-lahmgelegten Regierung nicht schaffen (wtf?), scheint mir ein Lockdown im Herbst unvermeidbar.
  • Oder anders gesagt: Eine durchgehend handlungsfähige Regierung, die ohne wahltaktische Rücksicht aufgrund der vorliegenden Daten handeln würde, könnte den Lockdown im Herbst vermeiden.

Im folgenden Blogartikel schauen wir zuerst auf die Ausgangslage mit Delta, den Impfungen und der Bundestagswahl, und dann auf einige Modellrechnungen, bevor wir zu einer Analyse kommen.

Ausgangslage, Teil 1: Delta übernimmt

Seit einigen Wochen verbreitet sich bei uns mit Delta eine wesentlich ansteckendere Variante des Corona-Virus. Inzwischen hat diese Variante das Neuinfektionsgeschehen auch schon komplett übernommen.

Das sehen wir in einer dramatischen Trendwende der Inzidenzen in den letzten zwei Wochen. Vom Absinken um 30% auf Ansteigen um >60% (jeweils im Vergleich zum gleichen Tag der Vorwoche) in nur etwas mehr als 2 Wochen. In nur 13 Tagen hat sich die Inzidenz von 5,2 knapp verdoppelt auf 9,9. Wow, was für eine Dynamik!

Mit Delta haben wir jetzt einen völlig anderen Gegner als mit dem Vorgänger Alpha.

Ausgangslage, Teil 2: Wieviel “schlimmer” ist Delta?

Wir wissen bereits, dass bei Delta die Ansteckung deutlich erhöht ist. Was aber noch unklar ist: Wieviel kränker macht Delta?

Jetzt kommen einige technische Details, die man nicht unbedingt gelesen haben muss, um dem Artikel weiter zu folgen. Ist eher was für Modellierungs- und Statistikfans. Bitte einfach ggf. die folgenden farbigen Absätze überspringen.

Dazu ein kurzer Exkurs in mein Modell: Beim Berechnen der Pandemie arbeitet mein Modell in zwei Stufen: Zunächst wird für jede Woche die Fallzahl pro Altersgruppe berechnet. Das hat in der Vergangenheit, insbesondere im Wachstum, für die jeweils nächsten 6-8 Wochen gut geklappt.

Daraus berechnet das Modell anhand von Quoten dann die Hospitalisierungen, ITS-Belegung und Todesfälle. Die Berechnungen haben in der Vergangenheit auch prima geklappt, insbesondere für die letzte Welle, wie man an den folgenden drei Grafiken sehen kann, die meine Zahlen mit den Zahlen aus den offiziellen Quellen (jeweils schwarze Linie) vergleicht:

Seit einigen Woche gibt es da aber ein Problem. Mein Modell unterschätzt die Zahlen der Hospitalisierungen, der ITS-Patienten und der Todesfälle deutlich. Wobei noch unklar ist, was sich da in der Mathematik verschiebt:

  • Zähler: Liegen die Patienten/Todeszahlen vom RKI zu hoch (unwahrscheinlich)
  • Nenner: Oder sind die Fallzahlen seit Juni um 50% zu niedrig (=viele größere Dunkelziffer), z.B. weil sich bei Delta-Infektionen die Symptome verändern und sowieso keiner mehr zum Testen geht, “die Pandemie ist ja vorbei”.
  • Quote: Oder Delta macht tatsächlich kränker und die Raten gehen nach oben.

Die folgende Grafik zeigt die Hospitalisierungsrate, Intensiv-Rate und Sterberate seit Februar, und zwar die Zahlen vom RKI und die Zahlen meines Modells (gestrichelt) im Vergleich. Im Juni (also während der Übernahme des Infektionsgeschehens durch Delta) sehen wir ganz klar einen deutlichen Trend-Wechsel in allen Kurven, obwohl weiter geimpft wurde (im Juli hören wir blöderweise dann auch noch fast auf mit dem Impfen).

Die Grafik zeigt, das die Todesfallrate pro Fall und die Hospitalisierungsrate pro Fall bis Juni deutlich gesunken ist mit unserem Impffortschritt. Statistisch wurden Ende Mai weniger Menschen pro Fall ins Krankenhaus gebracht (ca. 4% statt 8% im Frühjahr) und weniger pro Fall sind verstorben (0,5% statt 2%). Die Impfungen wirken!

Aber ab Juni steigt die Hospitalisierungsquote mit steigendem Delta-Anteil der Infizierten deutlich an (blaue Linie), so wie wir das auch in anderen Ländern sehen. Um wieviel können wir bisher nur schätzen, Faktor 2 scheint mir möglich. Diese Erkenntnis sehen wir jetzt schon in den RKI-Daten (blaue Linie) als Indiz, das ist keine Modell-Annahme!

Damit ich die Entwicklung der Intensivbelegungen und der tatsächlichen wöchentlichen Tote der letzten 4-6 Wochen im Modell überhaupt nachbilden kann, müssen die beiden anderen Kurven (grün und grau) so aussehen wie gezeigt – sonst müssten die Intensivbelegungs-Zahlen der DIVI und die Zahl der Verstorbenen jetzt schon deutlich niedriger liegen.

Es gibt diverse Quellen, die eine deutliche Erhöhung bis Verdopplung der Erkankungsraten durch Delta dokumentieren, z.B. hier, hier, hier, hier und hier. Prof. Wieler hat Anfang Juli über eine Verdopplung der Hospitalisierungsrate in Deutschland durch Delta berichtet. Aber: In England hat sich diese Befürchtung bisher noch nicht bestätigt, aber die haben auch u.a. eine bessere Impfrate.

Wenn sich bestätigen sollte, dass Delta mehr oder gar doppelt so krank macht Alpha, dann hätten wir ein dickes Problem, denn die bisher erreichte Impfwirkung würde damit fast komplett aufgehoben. Ob sich diese Befürchtung auch in Deutschland bestätigt wissen wir erst in 3-4 Wochen, wenn genügend Daten vorliegen.

Ausgangslage, Teil 3: Lahmende Impfungen

Die Impfwelle in Deutschland kommt ziemlich ins Stocken. Mein Modell rechnet bereits seit KW12 (März) damit, dass bei knapp über 60% Impfrate nicht mehr viel passieren wird. Und so scheint es auch zu kommen, die aktuelle Impfquote liegt genau dort, wo ich sie seit März erwartet hatte:

Eine deutlich höhere Impfrate würden wir wohl nur erreichen mit…

  • mit rascher Verfügbarkeit und Empfehlung der Impfungen für Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren (=15% des Landes!),
  • mit sehr attraktiven Impfprämien für junge Erwachsene
  • und/oder mit einer direkten oder indirekten Impfpflicht (z.B. nur Geimpfte dürfen in Gastro/Bar).

Alle drei Varianten scheinen mir aber aktuell leider nicht sehr wahrscheinlich.

Ausgangslage, Teil 4: Bundestagswahl

Am 26.9.2021 haben wir die Wahl zum Bundestag. Im Vorfeld der Wahl können wir wohl kaum mehr mit einem Durchgreifen der Regierung rechnen, die eine grundlegende Veränderung des Pandemieverlaufs erreichen könnte. Dazu müsste es wohl schon wirklich sehr schlimm kommen, und dann brauchen wir erfahrungsgemäß nochmal 4-6 Wochen, bis Maßnahmen gestartet werden.

Beim Modellieren können wir also nur im Extremfall mit einem Eingriff der Regierung vor Oktober rechnen, bis dahin läuft das alles erstmal weiter. Oh je.

Damit haben wir 3 Variablen für den Aufbau von Szenarien

Um den Raum der möglichen weiteren Entwicklungen zu erforschen haben wir also nun einige Variablen, aus denen wir verschiedene Szenarien bauen können um folgende Fragen zu beantworten:

  • Frage: Ist Delta viel ansteckender als Alpha, oder nicht?
  • Frage: Würde es sich lohnen, mit hohem Aufwand die Impfrate rasch um zum Beispiel 20 Prozentpunkte zu erhöhen?
  • Frage: Wann muss die Regierung eingreifen, weil die Folgen der Pandemie nicht mehr zu ertragen sind?

Die Schlüsselfrage auf dem Weg zum endemischen Corona-Virus, der “mit uns lebt” ist: Wie werden alle immunisiert, sodass wieder an “Normalität” zu denken ist? Ausgehend von 60% Erstimpfung jetzt, wie kommen wir zu so etwas wie Herdenimmunität von deutlich über 90%? Ab einem bestimmten Punkt werden wir den Rest der dafür nötigen Immunisierung tatsächlich durch Infektion statt Injektion zulassen müssen, wenn alle die wollen “ein Impfangebot bekommen haben” (das gilt dann aber bitte auch für die U16).

Das Problem bei dieser Argumentation ist aber: Die meisten Risikogruppen haben sich bereits impfen lassen. Aber wenn jetzt große Wellen durch die Ungeimpften durchlaufen (die nicht so gefährdet sind) werden auch viele Doppelt-Geimpfte mit angesteckt werden, denn der Impfschutz ist nicht 100%.

Die Engländer (knapp über 50% haben 2. Impfung) probieren ja gerade aus, ob sie schon so weit sind. Israel (60% Quote) tut sich auch schwer mit Delta. In Malta mit >80% Impfquote für 2. Impfung können wir in den nächsten 2-4 Wochen sehen, wie es dort klappt.

Die Möglichkeit, dass wir noch weitere neue, fiesere Mutationen bekommen, möchte ich hier nur der Vollständigkeit halber erwähnen.

Zeit für Modellrechnungen mit Szenarien

Für die weitere Analyse habe ich mit meinem Modell folgende Szenarien durchgerechnet:

  • Szenario 1A: Delta ist wie Alpha
    Delta ist ansteckender, hat aber die gleichen Hospitalisierungsraten und Sterberaten wie Alpha
  • Szenario 1B: Delta ist wie Alpha und 20% mehr Impfen bis September
    Wie Szenario 1A, aber wir schaffen nochmals 20 Prozentpunkte der Bevölkerung mehr zu Impfen bis Ende September (z.B. auch viele Kinder/Jugendliche ab 12)
  • Szenario 2A: Delta macht kränker
    Hier verwende ich die deutlich höhere Hospitalisierungsraten und Sterberaten wie Alpha, so wie oben hergeleitet
  • Szenario 2B: Delta macht kränker und 20% mehr Impfen bis September
    Wie 2A, aber mit 20% mehr Impfungen
  • Szenario 3: Lockerungen zurücknehmen und 5% mehr Impfungen
    Wie Szenario 1A, nur bremsen wir schon ab August indem wir den R-Wert um 0,3 senken (Rücknahme von Lockerungen) und wir schaffen nochmal 5% mehr Impfungen.

Damit hätten wir eine gewisse Bandbreite der möglichen Verläufe bis zum Herbst abgedeckt. In allen Szenarien werden im Modell die Maßnahmen/Einschränkungen so gesteuert, dass maximal 10.000 Intensivbetten gleichzeitig gebraucht werden in Deutschland (das wären 50% mehr als im Dezember!). Weiterhin gehe ich davon aus, dass die Ausbreitung der Delta-Variante ohne Bremsmaßnahmen mit Reff=~1,3 weiterverläuft, so wie in der vergangenen Woche. Schon 3-4 Wochen bevor harte Maßnahmen nötig wären, senke ich den R-Wert um 0,1, um dem-Lockdown-vorauseilende Verhaltensänderungen der Bevölkerung zu modellieren.

Wie üblich hier auch noch der Hinweis für Modellrechnungsagnostiker, dass wir hier nicht versuchen die Zukunft exakt zu berechnen, sondern wir versuchen einen möglichen “Raum” der weiteren Entwicklung zu bestimmen während wir lernen, welchen Unterschied wir durch verschiedene Maßnahmen/Annahmen dabei erreichen – mit dem Ziel die schwersten Folgen zu vermeiden.

Wichtig ist, dass man die nun folgenden Zahlen (Fälle, Patienten, Tote, usw.) der verschiedenen Szenarien nur miteinander qualitativ vergleichen darf (zum Vergleichen der Szenarien) und nicht als absolute Vorhersagen für die Zukunft verstehen sollte.

Szenario 1A: Delta ist wie Alpha

Um die Kliniken und Intensivstationen nicht zu überlasten müsste ab Anfang Oktober (also kurz nach der Bundestagswahl) ein R-0,3 Lockdown gemacht werden für ca. 4-5 Wochen, dann geht es mit einigen Einschränkungen bis ins nächste Jahr.

Das dürfte das Szenario sein, das viele für den Herbst erwartet haben – und es ist düster: Die Fallzahlen würden extrem ansteigen, bis zu 100.000 Fälle am Tag (die das RKI wahrscheinlich gar nicht zählen könnte), Inzidenzen bis über 800 und doch würden “nur” ca. 34.000 Menschen bis Jahresende versterben. 1,6 Millionen Longcovid-Patienten sind hingegen heftig, die meisten U40. Es gäbe erhebliche Ausfälle in Firmen und Schulen durch die Quarantänen (5% bis 15% von allen Altersgruppen wären ständig in Quarantäne!). Ab November wären alle Bürger geimpft oder infiziert.

Szenario 1B: Delta ist wie Alpha PLUS 20% Impfungen

Hier nehmen wir an, dass wir es mit einer Mega-Impfkampagne schaffen, bis Ende August 75% aller Bürger das erste mal zu impfen, bis November dann 82%. Das würde wohl eine direkte oder indirekte Impflicht erfordern.

In diesem Szenario kommen wir völlig ohne Einschränkungen bis ins nächste Jahr und haben nur 11.000 Tote und 2-7% Ausfälle durch Quarantäne. Aber immerhin noch 330.000 Longcovid Patienten. Ab Oktober sind alle immunisiert.

Szenario 2A: Delta macht kränker

Wenn Delta aber tatsächlich doppelt so viele schwere Fälle erzeugt wie Alpha, dann haben wir ein Problem: Genau in der Woche der Bundestagswahl müsste der Lockdown kommen, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Dieser müsste bis in den Winter aufrecht erhalten werden. Fast 60.000 Tote wären in der 2. Jahreshälfte zu vermelden (plus weitere Todesfälle in 2022) und die maximale Inzidenz wäre nur bis 210 hochgegangen. Die 100% Immunisierung würden wir erst 2022 erreichen.

Szenario 2B: Delta macht kränker und 20% mehr Impfen bis September

In diesem Szenario kommen wir sogar OHNE Lockdown durch, einige Einschränkungen ab Mitte September würden reichen, aber wir hätten immer noch 50.000 Todesfälle zu beklagen. Ab Oktober sind alle immunisiert, d.h. geimpft oder genesen und es kommt nur noch zu Re-Infektionen. Die Pandemie wäre vorerst zu Ende – zumindest bis die nächste fiesere Mutation kommt.

Szenario 3: Lockerungen zurücknehmen und 5% mehr Impfungen

Was wäre, wenn wir smart wären, und schon ab August Einschränkungen aussprechen, die den RWild um 0,2 (nur!) senken, und schaffen zusätzlich noch 5 Prozentpunkte der Bevölkerung zusätzlich zu impfen?

Es zeigt sich in der Modellrechnung, dass wir damit bis zum Jahresende sowohl eine großen Lockdown vermeiden würden (nur noch leichte Verschärfung um 0,05 im November nötig) als auch die Zahl der Toten massiven senken würden auf nur 7.500. Aber: am Ende haben wir immer noch keine durchgehende Immunität, 8% der Bevölkerung sind noch nicht geimpft oder genesen bis Dezember, die 4. Welle zieht sich also noch ins nächste Jahr rein.

Da für dieses Szenario aber ein zweifaches Handeln der Bundesregierung nötig wäre (Impf-Belohnungen und Maßnahmenverschärfung noch im August), ohne dass bis dahin schon schlimme Folgen sichtbar wären, können wir diese Variante wohl realistischerweise vergessen. Dafür müsste man ja auf “irgendwelche Kurven” schauen.

Szenario-Vergleich

Ich habe die 5 Modellrechnungen nochmal in einer Tabelle vergleichen (rot/grün = schlechtester/bester Wert):

Alle Zahlen sollten nur nur für den qualitativen Vergleich der Szenarien untereinander verwendet werden, und nicht als absolute Vorhersagen für den Herbst verstanden werden.

Beim Szenario 1A würden wir die höchste Opferzahl haben, weil wir in den Modellrechnungen die Gegenmaßnahmen nach den Intensivbetten ausrichten und mit Alpha wesentlich weniger Patienten entstehen pro Fall. Blöderweise treiben wir genau auf diese Variante zu, kein Politiker scheint dieses Worst-Case-Szenario vermeiden zu wollen.

Szenario 1B ist durch die Impfungen schon viel besser als Szenario 2 und im Oktober wären wir ziemlich durch.

Die Szenarien 2A und 2B (Delta macht mehr krank) sind bitte, aber auch hier machen die 20% mehr Impfungen einen riesen Unterschied. Interessanterweise würde in dieser Modellrechnung eine wesentlich mehr krankmachende Delta-Mutation paradoxerweise weniger Tote und Longcovid-Opfer erzeugen, weil wir schon bei viel niedrigeren Inzidenzen mit Maßnahmen gegensteuern müssten, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten, dafür hätten wir dann aber eben auch 15 Wochen Lockdown.

Szenario 3, mit den Einschränkungen ab August, hätte die niedrigste Anzahl an Toten, die wenigsten wirtschaftlichen Schäden und führt auch früh in 2022 zur Immunisierung des ganzen Landes. Nötig wären die Rücknahme verschiedener Lockerungen und ein massives Attraktiv-machen der Impfungen für junge Leute – 5% nur! Und das muss im August entschieden sein!

Ist Szenario 3 wirklich unerreichbar, nur weil diese blöde Bundestagswahl der Denken der politischen Welt bestimmt bis Oktober?

Was kommt mit Szenario 1A oder 2A im Herbst?

Wenn man nicht daran glaubt, dass wir die 5% oder gar 20% mehr Impfungen von Szenario 1B, 2B und 3 erreichen werden, bleibt man irgendwo zwischen Szenario 1A und 1B als Arbeitsszenarien für den Herbst. Das würde bedeuten:

  • Durch die für die Intensivstationen nötigen Maßnahmen würde die Welle so gebremst, dass sie bis ins Frühjahr 2022 hinein reicht
  • 2/3 der Infizierten würden unter 40 Jahren alt sein, aber die meisten Opfer werden doppelt-geimpfte Alte bzw. Risikopatienten sein, die sich trotz Impfung wegen der hohen Infektionsrate in ihrer Umgebung trotzdem anstecken (“Breakthrough Infections”)
  • ca. 3-4% aller U40-Altersgruppen sind den ganzen Herbst über in Quarantäne, die 15-25 Jährigen sogar zu 5-9%
  • Bei derartigen Ausfällen kann man wohl einen regulären Schul/Kita/Uni-Betrieb vergessen. Der Umstieg auf Distanzunterricht wird aber leider keine große Wirkung auf die Entwicklung der Inzidenz mehr haben, es gibt genügend andere Altersgruppen, in denen Delta weitermachen kann, insbesondere bei den jungen Erwachsenen.
  • Auch viele Firmen werden durch die Quarantäne- und Krankheitsfälle Probleme bekommen.
  • Ganz allgemein sollte man sich wohl für den Herbst nichts vornehmen, was die Zusammenkunft von vielen Menschen und am Ende auch noch in Innenräumen involviert.

Mein Modell ist nicht das einzige, dass derartige Entwicklungen vorhersagt

Zum Bespiel die TU Berlin berechnet: »Laut unseren Simulationen wird im Oktober ein exponentieller Anstieg bei den Krankenhauszahlen starten«, heißt es im neuen Bericht der Gruppe um den Mobilitätsforscher Kai Nagel an das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Mit Blick auf die Inzidenz in Deutschland schreibt die Forschungsgruppe weiter: »Falls die derzeitige Entwicklung anhält, wird dies sogar früher beginnen und sich im Oktober dann noch mal verstärken.«

Und es geht weiter mit: “Nur wenn die Impfstoffe gegen Delta deutlich besser wirkten als derzeit bekannt, bleibe eine vierte Welle in den Simulationen aus. Alternativ helfe nur eine Impfquote von 95 Prozent.”

Das sind ja quasi die gleichen Aussagen wie hier oben: Die verbleibenden Fragen sind, wie krank Delta macht bzw. die Impfstoffe umgeht und wie weit wir mit dem Impfen kommen.

Oder wir sind smart und bremsen jetzt schonmal, weil wir schon berechnen können, dass es schlimm kommt. Aber im Oktober wird es wieder heißen: Das konnte ja keiner kommen sehen.

Author: Dirk Paessler

CEO Carbon Drawdown Initiative -- VP Negative Emissions Platform -- Founder and Chairman Paessler AG

One thought on “5 Szenarien für den Herbst: Verursacht Bundestagswahl (indirekt) Lockdown im Herbst?”

  1. Meine These, dass sich unsere Regierungen auch ohne Bundestagswahl nicht zum vorausschauenden Handeln durchringen würden, ist wohl nicht falsifizierbar; sie wird nur durch Occam’s razor gestützt.

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