Was ist Lauterbach’s “Plan”? Eine Annäherung mit Modellrechnungen

Unser Gesundheitsminister hat uns letzte Woche in der BPK erklärt, dass es ein Pandemie-Modell des RKI gibt (das wir nicht sehen dürfen), dass es einen Plan der Bundesregierung gibt (den wir nicht kennen) und dass wir ein kleines bisschen besser liegen als dieser Plan.

Lauterbach fragt richtig: “Was macht die Bundesregierung eigentlich hier?”. Er spricht davon, dass man nur eine Welle (also keine weiter Exit-Welle) haben wollte. Das ist der Plan?

Also: Was wurde denn da Mitte Dezember, als klar wurde, dass Omikron kommen wird, modelliert und was wurde auf Basis dieses Modells dann entschieden? Können wir das auch ohne das RKI-Modell verstehen?

Eine Annäherung.

Achtung Modell-Agnostiker: Was jetzt folgt sind spekulative Modellrechnungen, die insbesondere die Unterschiede der möglichen Strategien aufzeigen soll, die der Regierung im Dezember zur Wahl gestanden sein könnten! Das ist also ein Gedankenspiel und keine Vorhersage o.ä.

Um einen längerfristige Modelllauf zu kalibrieren, habe ich mein Modell zurückgedreht auf die RKI-Inzidenzdaten vom 20.12.2022, alles danach berechnet das Modell nun selbständig. Dann habe ich die verschiedenen Parameter so kalibriert, dass ich den Verlauf der Gesamt-Inzidenz und der Altersgruppen bis zum 10.1.2022 gut nachbilden kann. Ab dem 10.1.2022 dann mit steigender Dunkelziffer, weil das Melde/Tests-System nicht mehr hinterherkommt:

Den Verlauf der Altersgruppen kann das Modell über 5 Wochen (aus meiner Sicht) gut vorhersagen, ab KW 10.1. liegt mein Modell höher, weil es mit einer größer werdenden Dunkelziffer rechnet. Über Weihnachten liegen U20 etwas zu hoch, alle anderen etwas zu niedrig, weil ich die Ferieneffekte auf die U20 und die Meldelücke nicht explizit nachmodelliert habe (nicht relevant).

Auch die Übernahme der Infektionen durch BA.1 und BA.2 wird gut nachgeführt:

Damit haben wir jetzt eine brauchbar gute Ausgangslage um verschiedene andere Verläufe als Szenarien durchlaufen zu lassen.

Fünf Szenarien

Die folgenden Szenarien habe ich rechnen lassen:

  1. Zentrales Szenario: Fährt bis 31.1. den tatsächlichen Verlauf nach, unter Berücksichtigung einer am Ende steigenden Dunkelziffer.
  2. Lockdown 6 Wochen ab 27.12.2021: Was wäre gewesen, hätten wir ab Weihnachten einen 6 wöchigen Lockdown gemacht?
  3. Lockdown Light bis Ende März ab 27.12.: Wenn wir ab Weihnachten verschiedene Verschärfungen gemacht hätten, was wäre dann passiert?
  4. Ständiges Nachregeln: Unter Gesamt-Inzidenz 500 bleiben in dem ständig an verschiedenen Stellen Verschärfungen und Lockerungen ausgesprochen werden, gesteuert nach Inzidenz. Kann man auch mit anderen Ziel-Maximal-Inzidenzen denken und ähnelt einer Niedrig-Inzidenz-Strategie.
  5. Fünf Wochen Verschärfungen ab 31.1.2022 (also sowas wie eine Notbremse ab heute) zum Beispiel durch Distanz-Unterricht und Kitas zu und/oder ähnliches.

So oder so ähnlich dürften Mitte Dezember die Modellrechnungen ausgesehen haben, die der Kanzler & MPK-Runde vorgelegen haben.

Was wären die Konsequenzen der fünf Szenarien gewesen?

  1. Zentrales Szenario: So wie wir es gerade erleben: Eine BA.1 Welle bis Inzidenz 2.500 etwa Mitte Februar, dann kommt noch ein BA.2 “Buckel” im März.
  2. Lockdown 6 Wochen ab 27.12.2021: Nach dem Lockdown wären die Fallzahlen steil hochgegangen, die Welle wäre nur verzögert worden
  3. Lockdown Light bis Ende März ab 27.12.: Man hätte 3 Monate Lockdown gehabt, hätte ggf. trotzdem Inzidenz 1.000 gesehen und dann hätte es immer noch eine Exit-Welle gegeben im April.
  4. Ständiges Nachregeln: Es wäre bis April viel hin&her bei den Regeln gewesen, aber man hätte die Welle verhindert und im Mai hätte die Saisonalität der Welle den Rest gegeben.
  5. Fünf Wochen Verschärfungen ab 31.1.2022: Man hätte die Welle erheblich gesenkt und wäre nur noch mit einer kleinen Exitwelle in den Sommer gekommen.

Interessant dabei sind die Gesamtfallzahlen bis Mai:

Die Variante “ständiges Nachregeln” hätte, für eine Niedrig-Inzidenz-Strategie wenig überraschend, die wenigsten Fälle verursacht. Die letzte Variante, eine Notbremse ab heute, würde gegenüber dem ungebremsten Verlauf die Hälfte aller Fälle vermeiden. Aber das scheint ja wohl nicht der oben genannte Plan der Regierung zu sein.

In der Gesamtsicht sieht man, dass das Szenario mit der ungebremsten Welle und der 6-Wochen-Lockdown-ab-27.12. die höchsten Belastungen für Kliniken und Infrastruktur verursachen.

Beim zentralen Szenario, also den Weg den wir jetzt wohl weitergehen, läge die ITS-Welle im Modell höher als im November, die Hospitalisierungen lägen knapp beim Doppelten, wobei wir aber die genauer Quoten noch nicht genau bestimmen können (noch 1-2 Wochen Daten nötig).

Das ist wahrscheinlich “aushaltbar”. Was aber bedeuten 20 Millionen Fälle, davon fast 6 Millionen unter 20 Jahre alt? Mit Dunkelziffer (Faktor 2?) wäre das halbe Land einmal infiziert, die Ungeimpften überproportional mehr als Geimpfte, junge Menschen fast durchgehend.

Die möglichen langfristigen Auswirkungen (LongCovid oder andere, noch unbekannte Langzeitwirkungen) könnten schon ein grosses Wagnis von unbekanntem Ausmaß dieses Plans der Bundesregierung darstellen. Das kann m.E. noch keiner abschätzen. Da klingt für mich eine Notbremse nach keiner schlechten Idee. Wenn sich BA.2 als “krank machender” herausstellt als BA.1 wird es eh kaum ohne gehen.

Mal sehen, wie der Plan weitergeht. Bleibt gesund!

Author: Dirk Paessler

CEO Carbon Drawdown Initiative -- VP Negative Emissions Platform -- Founder and Chairman Paessler AG