Ich habe LongCOVID. Nicht ME/CFS — das muss ich vorweg klarstellen, weil der Unterschied wichtig ist. Mein Fall ist moderat: PEM, Dysautonomie, eingeschränkte Belastbarkeit. Ich bin größtenteils funktional, aber immer mit engem Energiebudget. Menschen mit schwerem ME/CFS leben in einem völlig anderen Energierahmen — ich maße mir nicht an, von meiner Erfahrung auf ihre Situation zu schließen.
Aber was beim Tauchen mit mir passiert, ist bemerkenswert.
Das Muster
Zum dritten Mal Tauchurlaub mit LongCOVID. Zum dritten Mal das Gleiche: Nach den ersten Tauchgängen verändert sich etwas. Mit jedem Tag wird es deutlicher. Nach zwölf Tagen mit täglich 1-2 Tauchgängen (Nitrox 32%, 20-30 Meter tief, knapp 1h pro Tauchgang) fühle ich mich augenblicksweise gesund.
Kein PEM, auch nicht nach etwas anstregenderen Strömungstauchgängen! Mein Tauchcomputer zeigt 65-75 BPM Durchschnittspuls unter Wasser — das ist quasi mein Ruhepuls an Land, wo selbst leichte Belastung schnell mal 100er Puls verursacht. Nach dem Auftauchen: Vitalität, Klarheit, ein Körpergefühl, das ich seit zwei Jahren nicht mehr kenne. Sogar meine Fingernägel wachsen hier schneller, ein klares Indiz für bessere Micro-Durchblutung. Trotzdem, am frühen Abend bin ich dann auch hier so müde wie zu Hause, das Energiebudget bleibt insgesamt eingeschränkt.
Was ich als Auslöser ausschließen kann:
- Nicht “einfach Urlaub.” Ich arbeite auch hier ein bisschen — Emails, Entscheidungen, Projekte.
- Nicht der Schlaf. Oura Ring: identische Schlafqualität wie zu Hause.
- Nicht die Wärme. Im Gegenteil, die tropische Hitze stresst mich, meine Biotracker bestätigen das.
- Nicht der Sauerstoff allein. Ich mache HBOT zu Hause (1,5 bar, 95% O₂). Das hilft auch — aber der Taucheffekt ist deutlich stärker. Obwohl mein HBOT-Sauerstoffpartialdruck sogar höher liegt.
Was passiert denn da?
Klaus Wirth und Carmen Scheibenbogen haben im Februar 2026 einen Preprint veröffentlicht: “In Search of Lost Volume“ — über Hypovolämie bei ME/CFS. Die These: Patienten haben chronisch zu wenig Blutvolumen im Gefäßsystem. Bei Belastung verschiebt sich Flüssigkeit pathologisch in die Muskulatur. Zu wenig Volumen → zu wenig Herzfüllung → zu wenig Perfusion → PEM.
Wirth/Scheibenbogens Paper beschreibt ME/CFS. Aber Hypovolämie, orthostatische Intoleranz und gestörte Volumenregulation mit PEM als Folge finden sich auch bei Long COVID mit Dysautonomie — meinem Krankheitsbild. Und genau hiermit wird der von mir beobachtete Taucheffekt erklärbar.
Was 20-30 Meter Wassertiefe physikalisch bewirken
Ich erkläre mir das wie folgt: In 20-30 Metern Tiefe lastet 3-4 bar hydrostatischer Druck auf meinem gesamten Körper:
- Blood Shift: Blut wird zentral zum Herzen verschoben. Plötzlich genug Füllung — genau das, was laut Wirth/Scheibenbogen fehlt.
- Mechanische Kompression der Venen — mobilisiert Blut, das sonst in der Peripherie pooled, unabhängig davon, ob die Gefäßregulation funktioniert.
- Reduktion mikrovaskulärer Leckage durch externen Gewebedruck.
- Null orthostatischer Stress — keine Schwerkraft, kein Pooling.
- Mammalian Dive Reflex: 55 Minuten Vagus-Aktivierung, Parasympathikus-Shift. Unterstützt durch das sehr bewusste, langsame Atmen beim Tauchen für die Tiefenkontrolle. Meine Taucherfahrung (fast 100 dives) ist dabei sicher auch hilfreich, ich kann sehr auf mich selbst achten, bin nicht mit den Abläufen abgelenkt.
Tauchen löst das Volumenproblem physikalisch — für 55 Minuten. Kein Medikament, reine Physik. Und der Effekt kumuliert über Tage. Nach der Rückkehr verfliegt der Effekt innerhalb von Tagen — was gegen Placebo und für einen realen physiologischen Mechanismus spricht.
Mein HBOT zu Hause liefert zwar den Sauerstoff. Aber keinen hydrostatischen Druck, keine Immersion, keinen Dive Reflex. HBOT adressiert einen Baustein — Tauchen adressiert das Gesamtbild.
Was ich daraus mitnehme
Ich bin kein Arzt. Das hier ist ein n=1 Erfahrungsbericht, dreimal reproduziert. Und ich spreche ausdrücklich nur über meine Situation — moderates Long COVID mit Dysautonomie und PEM. Aber ich glaube, die Kombination aus meiner wiederholten Beobachtung und Wirths mechanistischem Framework legt nahe: Wasserimmersion und hydrostatischer Druck als therapeutisches Werkzeug bei Long COVID verdienen systematische Untersuchung. Nicht als Ersatz für etablierte Behandlung, sondern als Ergänzung. Man braucht dafür keinen Tauchurlaub. Tiefes Schwimmbecken, Aqua-Therapie, kontrollierte Immersionsprotokolle — die Werkzeuge existieren auch zu Hause.
Wirth und Scheibenbogen haben die Puzzleteile der Hypovolämie beschrieben. Beim Tauchen habe ich am eigenen Körper gespürt, was passiert, wenn man dieses Problem physikalisch umgeht.
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📄 Wirth, Scheibenbogen (2026). “In Search of Lost Volume: The Potential Causes of Hypovolemia in ME/CFS.” Preprints, 202602.1993.