Versuch einer Modellierung des Notbremse-Gesetzes für Deutschland bis Jahresende

Meine Kritikpunkte an der vom Bundestag wohl anvisierten Regelung habe ich ja bereits vorgestern in Der Entwurf zum “Notbremse”-Gesetz enthält drei fundamentale Konzeptfehler, alle haben mit der Inzidenz zu tun ausführlich beschrieben.

Aber wie würde denn der Rest des Jahres aussehen, wenn das Gesetz so verabschiedet wird und keine weiteren, darüber hinausgehenden Entscheidungen durch die Bundes/Landes-Regierungen kommen, die dann endlich sicherstellen würden, dass die Inzidenzen auch mal richtig sinken?

Mit meinem Prognose-Modell können wir versuchen das zu modellieren, damit wir mal ein Bild davon haben, was passieren KÖNNTE.

Wichtig: Ich lehne mich jetzt hier mit meinem Amateur-Pandemie-Modell schon sehr weit aus dem Fenster. Aber: Beim Erstellen der folgenden Berechnungen habe ich gemerkt, dass man damit viel darüber lernen kann, wie die verschiedenen Mechanismen der Pandemie ineinander greifen, und damit kann man besser verstehen, wie man es eventuell auch besser machen könnte. Auch wenn die gezeigten Zahlen natürlich nicht den Anspruch haben, quantitativ korrekt zu sein. Denn wir verlassen ganz klar den festen Boden, auf dem mein Modell beim Blick auf die nächsten 4-8 Wochen sonst aufbaut. Alles was weiter in der Zukunft liegt ist sehr sehr schwierig zu modellieren.

Mir geht es hier maßgeblich darum, das – sagen wir – “unglückliche” Wirkprinzip dieses Gesetzes mit ein paar Zahlen zu zeigen.

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Der Entwurf zum “Notbremse”-Gesetz enthält drei fundamentale Konzeptfehler, alle haben mit der Inzidenz zu tun

Seit gestern wissen wir einige Details aus dem Entwurf des neuen Infektionsschutzgesetzes des Bundes, das in den nächsten 2 Wochen durch Bundestag und Bundesrat gebracht werden soll.

Abgesehen davon, dass das viel zu spät ist, enthält der aktuelle Entwurf aus meiner Sicht drei fundamentale Konzeptfehler:

  • 1. Das Gesetz orientiert sich an festen Werten der Inzidenz, die aber zeitgleich durch die zunehmende Rate der Geimpften in der Bevölkerung ihre Qualität völlig verändert
  • 2. Der Notbremse-Regelmechanismus bei Inzidenz 100 schaut auf den falschen Indikator (Inzidenz statt R-Wert oder Wachstum) und kann ohne eine Hysterese zum “ständigen Schwingen” zwischen “offen” und “zu” führen
  • 3. Das Gesetz formuliert kein gemeinsames Ziel, auf das wir alle hinarbeiten, nicht einmal eine Ziel-Inzidenz
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Warum ein Schnelltest nur 6-8h gültig ist (und warum das RKI nur scheinbar etwas anderes sagt)

Mit Corona-Schnelltests können wir zwei Strategien verfolgen:

  • Schnelltests können ein Werkzeug sein, mit denen wir bei individuellen Begegnungen auch während einer Pandemie versuchen können eine gewisse Normalität zu leben (oder den Besuch von Geschäften/Veranstaltungen zu schützen)
  • Schnelltests können helfen Ausbrüche (z.B. im Büro oder in der Schule) früher zu erkennen als wenn wir einen Ausbruch erst bemerken, wenn der erste Infizierte Symptome hat

Diese beiden Strategien haben unterschiedliche Ziele und unterscheiden sich in drei Aspekten grundlegend: 1. Wie lange man ein negatives Testergebnis für wirksam erachtet und damit auch 2. wie oft man testen muss. Und insbesondere: 3. welches strategische Ziel man verfolgt.

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Wie wir aus dem Dauerlockdown-Schlamassel rauskommen: Eine modell-basierte Argumentation

In Deutschland gibt die 3. Welle einer Jahrhundert-Pandemie gerade so richtig Gas, aber unsere Regierung ist gefühlt erstmal in den Osterferien. Nichts passiert. Es gibt sogar Ankündigungen von Lockerungen und Schulöffnungen nach Ostern.

Dabei haben wir keine Zeit. Jeder Tag mehr, den wir ohne Durchgreifen verstreichen lassen, vergrößert den Schaden, das Leid, die Anzahl der Opfer, die Verzweiflung der Bürger.

Durch die Feiertage sehen trügerischer Weise die RKI-Inzidenzwerte gar nicht so schlecht aus. Viel zu gut sind die, durch Ferien, durch weniger Tests und durch Meldeverzögerungen. Das dicke Ende kommt aber dann in den Wochen nach den Ferien – denn wir sind in einem exponentielle Wachstum, das nicht einfach weggeht.

In diesem Artikel möchte ich anhand von Prognose-Szenarien, die ich mit meinem Pandemie-Prognose-Modell berechnet habe, aufzeigen, warum es ohne eine sofortige Verschärfung der Lockdown-Regeln in Deutschland nicht gehen wird, weil die sich sonst ergebenden Schäden immens sind. Jeder, der jetzt keinen Lockdown will, muss das wissen.

Und ich werde zeigen warum wir nach der 3. Welle in eine NoCovid-Strategie wechseln müssen, um die 4. Welle zu vermeiden.

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Corona: Wir dürfen nicht ganz kurz vor dem rettenden Ufer aufhören zu schwimmen!

Aktuell reitet Deutschland im Galopp auf eine Riesenwelle der Corona-Pandemie zu. Jetzt nichts zu tun ist praktisch ausgeschlossen aus meiner Sicht. Dabei sehen wir die Wirkung der Impfungen quasi schon als das rettende Ufer und sind nur Wochen davon entfernt!

Es muss nochmal ein gemeinsamer Kraftakt her. Für ein paar Wochen. Aber was können wir denn tun? Und wie gross ist dieser Kraftakt?

Wie wir anhand von Berechnungen mit meinem Prognose-Modell sehen werden, sind wir viel näher am rettenden Ufer als meines Erachtens viele denken. Wir dürfen doch nicht kurz vor dem Erfolg aufhören zu schwimmen!

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Corona-Pandemie Prognose Modell V7

Update: 14.4.2021

Seit Mitte Februar entwickle ich ein vereinfachtes mathematisches Modell mit dem Ziel, den weiteren Pandemie-Verlauf in Deutschland für einige Wochen in die Zukunft mit brauchbarer Genauigkeit abzuschätzen, zumindest soweit das Verhalten der Bevölkerung und/oder die sich ändernden Maßnahmen der Regierung abzusehen sind.

Auch ein Ausblick auf mehrere Monate ist machbar, die Ergebnisse werden aber natürlich ab 4-6 Wochen zunehmend unschärfer und können nur zum qualitativen Vergleich verschiedener Szenarien dienen, wenn man z.B. verschiedenen Maßnahmen simuliert.

Im Folgenden möchte ich die aktualisierte Version 7 vorstellen (Änderungen zu Vorversionen siehe unten in der Änderungs-Historie).

Warum wir Modelle zum Planen brauchen

Für den gesellschaftlichen Diskurs über die Lockerung oder Verschärfung von Maßnahmen erscheint es mir wichtig, dass man verschiedene Strategien im Umgang mit der Pandemie durchspielen und die unterschiedlichen Folgen vergleichen kann.

Denn was uns klar sein sollte: Für exponentielle Wachstums-Prozesse haben wir Menschen in der Regel kein gute spontane Einschätzung. Die meisten von uns bekommen lineare Entwicklungen ganz gut hin, aber Wachstumsprozesse mit kurzen Verdopplungszeiten (Ende März bei 18 Tagen) für 2-3 Monate in die Zukunft korrekt abzuschätzen ist wirklich schwer.

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Der Osterlockdown bringt (fast) nix: Maßnahmen nur für ein paar Tage “verpuffen” in der Pandemie

Die Ergebnisse der Nachtsitzung von gestern sind – mal wieder – kein großer Wurf. Wir hängen an die Ostertage vorne den Gründonnerstag noch als Feiertag dran, bitten darum keine Reisen zu unternehmen und keine Gottesdienste zu veranstalten. Und das bezeichnen wir dann als “drastischen Lockdown”. Ach ja, und mit der 100er-Notbremsen-Regelung stellen wir noch sicher, dass alle Landkreise, die noch unter 100 sind, auf jeden Fall auch noch auf über 100 wachsen werden.

Damit haben wir praktisch entschieden, dass die 3. Welle auch auf jeden Fall keine kleine Welle wird. Selbst wenn wir in 2 Wochen vernünftigere Entscheidungen treffen würden, das ist nicht mehr aufzuhalten.

Das möchte ich hier gerne mit Zahlen/Prognosedaten nachvollziehbar machen.

Wichtig: Es folgen Prognosen aus einer Modellrechnung. Wie bei allen Modellrechnungen gehe ich dabei von Annahmen aus, mit denen ich in die Zukunft rechne. Meine Annahmen sind unten dokumentiert und sind mein “best effort”, ich kann damit aber auch falsch liegen. Ich bitte um Feedback, wenn jemand mit anderer Gedankenkette zu anderen Annahmen kommen würde.

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Countdown zum Lockdown: 4 Szenarien für die nächsten 4 Wochen

Wenn man sich das aktuelle schnelle Ansteigen der Fallzahlen anschaut – wir liegen jetzt jeden Wochentag um 30% über der Vorwoche – und ein bisschen ein Gefühl hat für exponentielles Wachstum, dann kommt man schnell zu der Erkenntnis: So kann das nicht lange weitergehen!

Wir impfen zwar schon, und viele potentielle Risiko-Patienten sind geimpft oder kommen in den nächsten Wochen dran, aber der Großteil der Bevölkerung ist eben noch nicht geimpft. Da die Jüngeren eben auch eine Risiko für schwere Verläufe und Todesfälle haben, das größer null ist, bleiben große Infektionswellen weiterhin ein Problem für unsere Gesellschaft.

Sicher ist nur, dass in den nächsten Tagen Entscheidungen getroffen werden müssen. Aber: Für welchen Weg wird sich die Politik entscheiden? Schauen wir uns mal an, was kommen könnte.

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Nach Update des Pandemie-Vorhersage-Modells: Neuberechnung von 5 Szenarien für die nächsten Wochen

In meinem Artikel Countdown zur Lockdown-Verschärfung in 3-2-1 Wochen stelle ich 5 Szenarien vor, die zeigen, dass in den nächsten 2-3 Wochen drastische Maßnahmen nötig werden, sonst kommt eine enorme Infektionswelle auf das Land zu, mit allen bekannten Folgen für Kliniken, Gesellschaft, Wirtschaft.

Alle 5 Szenarien habe ich heute nochmal mit dem verbesserten Modell Version 4 durchgerechnet, die u.a. berücksichtigt, dass Patienten mit B.1.1.7 heftiger erkranken bzw. mehr Patienten versterben (+50%). Außerdem habe ich das Modell mit neuen Daten vom RKI abgeglichen und noch genauer gemacht. Eine genau Beschreibung der Veränderungen gibt es in Pandemie Vorhersage Modell V4 – Verfeinerung und Validierung, eine ausführliche Beschreibung des Modells in Pandemie Prognose Modell V3.0.

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Pandemie Vorhersage Modell V4 – Verfeinerung und Validierung

Seit dem Entwicklungsstart meines Prognose-Modells in Kalenderwoche 7 sind schon einige Wochen vergangen. Inzwischen gibt es neue Daten mit denen ich die alte Version 3 meines Modells validieren und verbessern kann. Außerdem gibt es neue Erkenntnisse/Studien, die auch ins Modell rein müssen.

Dieser Artikel beschreibt nur die Veränderungen in Version 4, für die Grundlagen des Modells verweise ich auf den Artikel zu Version 3.

Im nachfolgenden Artikel “Neuberechnung von 5 Szenarien für die nächsten Wochen” wende ich das Modell dann an, um aktuelle Handlungsoptionen neu durchzurechnen.

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