Corona: Eine landkreis-basierte Betrachtung der Entwicklung der Inzidenz

An Weihnachten, 8 Tage nach Beginn des “harten” (hust) Lockdowns am 16.12.2021, hatten RKI und Risklayer die höchsten 7-Tage-Neuinfektionszahlen gemeldet. Dann kamen die Feiertage, an denen sich sowohl das Verhalten der Menschen verändert hat als auch das Meldewesen unzuverlässig wurde: Es wurden viel weniger Tests durchgeführt, viele Meldungen waren um Tage verzögert, und es gab hier und da technische Probleme bei der Übermittlung. Erst seit ca. einer Woche beruhigen sich die gemeldeten Zahlen und werden wieder brauchbar um die Situation zu beurteilen. Und wir sehen, dass die Zahlen runtergehen. Gut!

Aber wie gut ist das? “Naja gut” oder “richtig gut”? Und kann man die Lage überhaupt mit einem Blick auf die gesamtdeutsche Zahlen der Infektionen beurteilen? Denn… die Lage im Land ist nicht überall gleich!

Zum Einstieg erstmal ein Blick auf ganz Deutschland

Die folgende Grafik zeigt die täglichen Inzidenzzahlen (blau) und die Vergleiche zum gleichen Wochentag 7 und 28 Tage zurück. Den 22.1.2021 vergleichen wir dann mit dem 24.12.2020, dem letzten Tag mit brauchbaren Daten VOR den Feiertagen (der Zeitraum der Datenprobleme ist grau markiert).

Datenquelle: @risklayer; eigene Grafik

Aktuell schaffen wir in ganz Deutschland pro Woche eine Absenkung der Neuinfektionszahlen um -22% (in der Grafik gelb). In 4 Wochen (grüne Linie) haben wir aber nur -40% geschafft. Wenn wir die aktuellen -22% für die ganzen letzten 4 Wochen durchgehalten hätten, wären wir bereits bei -63%. Also haben wir in den Feiertagen einiges an Lockdown-Wirkung verloren.

Aktuell liegt die deutschlandweite Inzidenz bei 115 laut RKI. Wenn wir die -22% Absenkung durchhalten, dann würde sich die D-weite Inzidenz wie folgt entwickeln (Tabelle rechts): Kurz vor dem 19.2. erreichen wir die Inzidenz-Marke 50 und den Wert 25 erst im März. Wohlgemerkt: Für ganz Deutschland gerechnet.

Aber: Deutschland ist nicht überall gleich

Aber in Wahrheit wird die anvisierte 50er, 30er, oder 10er-Inzidenz (je nachdem wen man fragt) pro Landkreis an vielen Orten wohl viel früher erreicht werden! Denn durch die Regionen/Landkreise, in denen noch ein Wachstum stattfindet bzw. die hohe Inzidenzen haben, sieht der Rest der Republik schlechter aus.

Die folgenden beiden Grafiken zeigen die Lage in Deutschland, und zwar in zwei Dimensionen:

Grafik Links: eigene Grafik basierend auf @rislayer-Daten vom 22.1.2021; rechts: Tagesmeldung 22.1.2021 von @risklayer

Die rechte Grafik entspricht der Grafik, die man auch im Dashboard und Lagebericht des RKI findet: Für jeden Landkreis ist die aktuelle “Inzidenz” als Farbe dargestellt, also die Anzahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den letzten 7 Tagen. Diese Zahl verrät uns, wie sich das Corona-Virus ausbreitet, wie viele Personen sich in einer Woche neu angesteckt haben. Wenn wir uns in einer Phase befinden wie im November, als die Inzidenzen konstant blieben, frisst sich das Virus mit konstanter Geschwindigkeit durch die Bevölkerung.

Besser? Gleich? Schlechter?

Was man aber aus dieser Grafik nicht herauslesen kann: Wie entwickelt sich die Pandemie? Wird es besser, oder schlechter? Dazu müsste man die gleiche Grafik von einem Tag vorher daneben legen und die Farben vergleichen.

Meine Grafik links (hier geht’s zur interaktiven Version) zeigt nun die Entwicklung der Inzidenz über die letzten 4 Wochen, vom 25.12.2020 bis 22.1.2021.

  • Grüne Flächen bedeuten, dass sich in dieser Zeit die Ausbreitungsgeschwindigkeit in einem Landkreis abgesenkt hat (auch wenn immer noch jeden Tag neue Infektionen stattfinden, wie man in der rechten Grafik sehen kann).
  • Rote Flächen hingegen bedeuten, dass sich in den 4 Wochen die Ausbreitungsgeschwindigkeit sogar noch BESCHLEUNIGT hat: Jetzt stecken sich jede Woche sogar MEHR Menschen mit Covid-19 an. Werte über null bedeuten exponentielles Wachstum!

In 48 Landkreisen wächst die Inzidenz immer noch und dabei fallen insbesondere der Nordosten und einige Landkreise an der Nordsee ins Auge. In NRW und Sachsen ist alles grün, hier ist der Virus auf dem Rückzug seit Weihnachten. In Bayern und BaWü gibt es nur noch einzelne Ausreißer.

Spekulation: Wenn es keine Mutationen gäbe, wie würde es weitergehen?

So jetzt wird es spekulativ…. Nehmen wir mal – sehr optimistisch – an, dass sich die wesentlich ansteckenderen Mutationen (B.1.1.7 usw.) des Coronavirus bis Ende Februar nicht ausbreiten in Deutschland. Wie könnte sich dann die Ansteckung in Deutschland entwickeln?

Uns liegt für jeden Landkreis die aktuelle Inzidenz vor und auch das aktuelle Wachstum bzw. Absinken in jedem Landkreis. Damit können wir mit ganz einfacher Mathematik eine Projektion machen für die nächsten Wochen!

Für die folgende Grafik habe ich die Inzidenz-Entwicklung der letzten 7 Tage (Absinken der 7-Tage-Inzidenz) für alle 401 Landkreise aus dem Risklayer-Datensatz weiterlaufen lassen. Wir nehmen an, dass sich die Entwicklung der letzten 7 Tage einfach fortsetzt. Nur für wachsende Landkreise habe ich angenommen, dass die ihr Wachstum auch in den Griff bekommen, aus dem Wachstum rauskommen und dann auch langsam absinken (die müssen ihr Wachstum irgendwann stoppen, weil da sonst das exponentielle Wachstum alles übernimmt).

Dann stellt sich das bis zum 28.2.2020 wie folgt dar: Die Grafik zeigt für jeden Tag die Verteilung der Inzidenzen auf die Landkreise in Deutschland. Wie man sieht wechseln fast alle Landkreise auf Inzidenzen unter 50 (gelb und grün).

Am 28.2. wären aber immer noch 42 Landkreise über einer Inzidenz von 50. Alle anderen liegen darunter, 3/4 sogar unter 30, 140 Landkreise sogar unter 10. Die Deutschland-Karte würden dann so aussehen:

Hier geht es zur interaktiven Version bei Datawrapper.

Also immer noch ein ziemlicher Flicken-Teppich mit erfreulich vielen grünen Zonen (Inzidenz unter 40), aber auch gelben Zonen (um die 50) und orange/roten Zonen (100 und mehr).

Wie gesagt, die Voraussetzung dafür wäre, dass sich die Ansteckungsrate des Corona-Virus nicht verändert bis Ende Februar – wovon wir leider nicht ausgehen können. Die wahren Entwicklung wird sicher anders aussehen, es wird neue Ausbrüche geben, und Kreise, die noch erfolgreicher sind als simuliert. Aber selbst in diesem optimistischen Fall ist Ende Februar nicht alles vorbei!

Besser wird’s nicht

Es ist wohl nicht zu erwarten, dass die nächsten 5 Wochen so gut oder gar besser ablaufen werden als hier gezeigt, das gibt die Pandemie-Mathematik und die zu erwartende Ausbreitung der Mutationen m.E. nicht her.

Außer wir schalten doch noch hoch, machen einen “echten Lockdown” und peilen ernsthaft Zerocovid oder Nocovid an. Mit der bisherigen “Weiterwurschteln”-Taktik kommt bis Ende Februar nichts besseres heraus als hier gezeigt, denke ich. Wenn wir zwischendurch auch noch Schulen, Büros, usw. noch in größerem Umfang wieder aufmachen erst recht nicht.

Die aktuellen Pläne der Ministerpräsident*Innen überzeugen mich dahingehend nicht, von den Ideen der Kultusminister*Innen ganz zu schweigen.

In der Bundesregierung scheint man da schon weiter zu sein:

Author: Dirk Paessler

CEO Carbon Drawdown Initiative -- VP Negative Emissions Platform -- Founder and Chairman Paessler AG

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