Modellrechnung: Könnte uns B.1.617.2 den Sommer oder Herbst versauen?

Update: Hier gibt es ein Update mit Delta/B.1.617.2 Modellrechnungen.

Die “indische Mutation” könnte auch bei uns Probleme machen in diesem Sommer. Das wird insbesondere davon abhängen, wieviel ansteckender die Mutation B.1.617.2 gegenüber der bei uns kursierenden B.1.1.7 Mutation ist – was sich aktuell zumindest andeutet.

Aber… Hast Du ein Gefühl dafür, wie viel Prozent ansteckender ein echtes Problem für uns wäre? Sind +10% schlimm, oder +30%? Oder +50% mehr?

Um sich solchen Fragen zu nähern verwendet man Modellrechnungen, und das machen wir jetzt mal, basierend auf meinem Pandemie-Modell.

Hinweis für Modellrechnungs-Nicht-Verstehen-Woller

Vorab ein Hinweis an alle diejenigen, die Verständnisprobleme mit Modellrechnungen haben (und da gibt es eine ganze Menge): Wir berechnen jetzt hier nicht die Zukunft, es ist nahezu sicher, dass die Zukunft nicht so aussehen wird wie einer meiner Szenarien, weil noch viele z.Zt. unvorhersehbare Dinge passieren werden. Aber wir werden anhand der Szenarien lernen, wie die weitere Entwicklung aussehen könnte, und dabei können wir lernen, ob und wann wir ggf. Gegenmaßnahmen starten müssen/sollten, damit uns die Lage gerade eben nicht so eskaliert.

Ich wünsche mir wie jeder andere auch, dass es nicht so kommt, wie in den folgenden Grafiken gezeigt. Aber das werden wir wohl nicht ohne etwas Einsatz unsererseits bekommen!

Einleitung

Seit ein paar Tagen häufen sich die Hinweise darauf, dass die Corona-Virus-Mutation B.1.617.2 (unglücklicherweise als “indische Mutation” bezeichnet) wesentlich ansteckender sein könnte als die zur Zeit bei uns dominierende Variante B.1.1.7, die bereits 35% ansteckender war als die vorher kursierende “wilde” Variante und die bei uns die 3. Welle ausgelöst hat.

Dieses Thema ist kein Thema in einer fernen Zukunft, das Problem ist bereits im Land: Laut RKI waren in KW17 bereits 2% der Infektionen in Deutschland der Mutation B.1.617 zuzuordnen. Also vor 12 Tagen, und das sind Infektionen die nochmal eine Woche vorher stattfanden. Wir haben bisher noch keine richtig guten Daten, aber die Daten, die wir haben, deuten auf Probleme hin.

Rückblick auf B.1.1.7

Ein historischer Vergleich: B.1.1.7 war in KW 2 (Anfang Januar) bei 2% in Deutschland und nur 14 Wochen/100 Tage (!) später bei 90% aller Infektionen. Dieses Wachstum war möglich, weil unsere Einschränkungsmaßnahmen (der Lockdown ab 16.12.) nur stark genug waren, um den damaligen Wildtyp zu bremsen, aber nicht um die aufkommende Variante B.1.1.7 zu bremsen. B.1.1.7 war um ca. 35% ansteckender.

Dann haben wir – entgegen der Empfehlungen der Experten – im Februar und März nicht verschärft, sondern auch noch gelockert: Damit kam es unvermeidlich zur dritten Welle, die wir erst jetzt mit Tests, Impfen, Saisonalität und Bundesnotbremse brechen konnten.

Eine Wiederholung der Situation vom März?

Jetzt haben wir vielleicht die gleiche Situation wie im März: Eine neue, wahrscheinlich ansteckendere Mutation ist bereits in nennenswerter Zahl im Land, und wir lockern und öffnen, weil ja die Zahlen runtergehen. Im schlimmsten Fall passiert jetzt genau das gleiche wie im März: Durch weitere Lockerungen befeuern wir die Ausbreitung der neuen Mutation, die uns dann mit etwas Zeitverzögerung überholt.

Haben wir aus der Vergangenheit gelernt und gehen diesmal präventiv vor, anstatt “erstmal zu schauen” und dann in 8 Wochen der Situation wieder hinterherzulaufen?

Die rasante Ausbreitung dieser Mutation in Indien war ein erstes Zeichen, dass da was kommen könnte. Jetzt sehen wir in UK eine schnelle Ausbreitung, während B.1.1.7 immer noch weiter sinkt. Dort hat die Mutation in einigen Gegenden bereits die dominierende Mehrheit übernommen. In 44 Ländern der Welt wurde die Mutation schon nachgewiesen. Jetzt geht sogar Vorzeige-Land Singapur in den Lockdown wegen B.1.617.2.

Die gute Nachricht: Die Impfstoffe scheinen Infizierte auch bei B.1.617 vor schweren Verläufen zu schützen (sogar bis 100%) und wohl auch die Weitergabe der Infektion zu bremsen. Aber die Weitergabe der Mutation wird eben nicht zwischen 85% und 90%, je nach Impfstoff, gebremst, sondern um weniger.

Es sind nur 11% der deutschen Bevölkerung vollständig geimpft. 11% reicht niemals, um eine 4. Welle bei erhöhter Ansteckung zu vermeiden. Das wird jetzt also ein Wettrennen zwischen impfen und der nächsten Mutation, denn: Wer noch nicht geimpft wurde oder “…wer sich aktiv gegen eine Corona-Impfung entscheidet, der werde sich unweigerlich infizieren.” (Zitat Prof. C. Drosten)

Wie schlimm darf B.1.617.2 sein?

Es gibt zwei zentrale Parameter, die Mutationen schlimmer machen könn(t)en als B.1.1.7: Eine erhöhte Ansteckungsrate (“höherer R-Wert”) und/oder ein zusätzlicher “Immun-Escape”, d.h. dass Menschen trotz Impfung öfter angesteckt werden könnten, weil die Impfung weniger Schutz vor Ansteckung bietet. Für beide Werte haben wir noch keine belastbaren Zahlen, aber neben dem Aufflammen der Infektionen weltweit (s.o.) es gibt erste zahlenbasierte Hinweise:

Somit bietet es sich an die Mutation mit 10%, 30% und 50% höherer Ansteckungsrate und mit 0% und 20% Immun-Escape durchzurechnen. In meinem Modell habe ich Kombinationen dieser Werte durchgerechnet um zu schauen, ob es bestimmte Schwellwerte gibt, die uns den Sommer versauen könnten und auf die wir besonders achten müssen.

Annahmen für die folgenden Modellrechnungen

  • In der neuen Version 9 des Modells wird die Wirkung der Impfungen besser abgebildet (u.a. Unterscheidung 1./2. Impfung) und die Altersverteilung der Intensivpatienten wurde mit den neuen DIVI Zahlen korrigiert.
  • Bei der Ausbreitung der neuen Mutation bin ich von einem 2% Anteil an allen Infektionen in der KW17 ausgegangen, und haben diese dann mit der jeweils im Szenario angegebenen R-Wert-Erhöhung weiterrechnen lassen. Für den Immun-Escape habe ich auch verschieden Werte simuliert.
  • Ich gehe davon aus, dass Ende Juni das Bundesnotbremse-Gesetz nicht ausläuft, sondern verlängert wird (irgendeine Art der Vermeidung von hohen Inzidenzen brauchen wie sowieso).
  • Feiertage und Schulferien werden nicht berücksichtigt

Wenn doch keine ansteckendere Mutation kommt

So könnte der weitere Verlauf aussehen, wenn es zu keinem Ausbruch von Mutationen kommt, die ansteckender sind. Die drei Grafiken unterscheiden sich in der Annahme der R-Werts, der unterhalb Inzidenz 100 stattfindet, wenn keine “Bundesnotbremse” aktiv ist, gemessen in RWild (=Ausdruck unseres Verhaltens bzw. der Einschränkungen/Lockerungen).

Hier sieht man, dass unser Spielraum für Lockerungen sehr klein ist. Wir sollten auch schon ohne Mutation nur sehr behutsame Öffnungsschritte machen (öffnen und abwarten, usw.), weil es sehr schnell passieren kann, dass wir wieder ins Wachstum kommen – und dass fällt uns spätestens im Herbst auf die Füße.

Welchen der drei RWild Werte wir über den Sommer tatsächlich haben werden, weiß im voraus keiner so genau. Der Wert wird auch kaum konstant sein, aber das ist jetzt mal eine Annahme für diese Modellrechnung.

Meine Einschätzung wäre, dass RWild=1,2 für kaum Lockerungen steht, RWild=1,3 für diverse Lockerungen im Juni/Juli und RWild=1,4 für weitreichendere Lockerungen.

Die linke Grafik für 1,2 ist eindeutig der beste Weg, “Niedrig-Inzidenz-Strategie”! NoCovid läßt grüssen. In den beiden anderen Szenarien behalten wir zwar immer noch die Kontrolle, aber die Inzidenzen sind im Herbst riesig, insbesondere bei den bis dahin noch ungeimpften jungen Menschen. Inzidenzen über 500 wären laut Modellrechnung möglich, wenn wir den Schulbetrieb nicht wirklich sicher gestalten, wie die folgende Grafik links zeigt. Die Impfungen für die U16 kommen einfach zu spät um eine Herbstwelle zu stoppen.

Mutation mit 10% höherer Ansteckung

Und jetzt nehmen wir mal die Mutation B.1.617.2 dazu, mit hypothetisch 10% höheren Ansteckung, die Anfang Mai bei 2% der Fälle startet:

So wie B.1.1.7 zwischen Januar und März das Infektionsgeschehen übernommen hat, würde nun die Mutation das Geschehen übernehmen bis Ende des Sommers. Wenn wir uns mit Lockerungen klar zurückhalten über den Sommer könnten wir noch gut durch den Herbst/Winter kommen, mit nur kleinen zusätzlichen Maßnahmen könnten wir sogar die blaue Welle noch knacken.

Aber ab einem RWild von 1,3 ginge es Ende August steil bergauf bis zum Jojo-Lockdown der Notbremse. Immerhin wäre die Notbremse noch stark genug um das Geschehen um Inzidenz 100 schwingen zu lassen.

(Falls Du Dich wunderst, warum der “orange Berg” bei B.1.1.7 im Herbst rechts kleiner ist als ohne Mutation (s.o.): Durch die Notbremse ab September wird diese Variante erfolgreich ausgebremst!)

Mutation mit 30% höherer Ansteckung

Sollte die Mutation 30% ansteckender sein, dann reichen die Maßnahmen der Notbremse kaum mehr um das Ansteigen der Inzidenzen zu stoppen. Das Absinken der Inzidenzen würde bereits im Juni stoppen.

Mutation mit 50% höherer Ansteckung

Als schlechtestes Szenario zeige ich noch wie es aussehen würde mit einer Mutation, die 50% ansteckender wäre als B.1.1.7. – was ich allerdings nicht für sehr wahrscheinlich halte. In keinem Szenario wäre die Notbremse in der Lage, das Wachstum bis fast 400 aufzuhalten.

Wie ist das mit dem Immun-Escape?

Hier der Vergleich von 10%, 30% und 50% ansteckenderer Variante bei 20% Immun-Escape (d.h. die Impfung schützt um 20% weniger vor Ansteckung).

Die 10% und 30% Varianten könnten wir mit der Notbremse irgendwie bremsen (bei 3-4 Mio Infektionen über den Sommer), bei 50% erhöhter Ansteckung hätten wir über den Sommer 11 Mio Infektionen und am Ende des Jahres wären alle Menschen geimpft oder infiziert. Um das zu vermeiden, müßten wir im Spätsommer für einige Zeit “härtere” Maßnahmen ausrufen, als die Bundesnotbremse bisher vorsieht.

Gibt es auch gute Nachrichten? Ja, die Impfung wirkt!

Zum Schluss die gute Nachricht! Außer im extremen Szenarien (50% ansteckender, 20% Immun-Escape) würden die Zahlen der Intensivpatienten durch die Notbremse im überschaubaren Bereich bleiben. Die Zahl der Verstorbenen sieht ähnlich aus. Und ich in diesem extremen Fall könnten wir das mit verschärften Maßnahmen noch vermeiden.

Zusammenfassung

Die direkten Probleme durch die Infektionen (Krankenstand, Quarantäne, usw.) und die Folgeprobleme (7-12% der Infizierten bekommen LongCovid) bleiben bestehen, und erreichen in eigentlich allen hier gezeigten Szenarien schwierige Dimensionen – außer wir halten uns mit den Lockerungen klar zurück (zumindest müssen wir in kleinen Schritten lockern, und immer wieder schauen, was dann passiert) und die ansteckendere Mutation bleibt aus oder liegt unter +10% Ansteckung .

So oft wie man gerade in den Medien das Wort “Lockerungen” hört&liest scheint es mir aber so zu sein, dass uns selbst eine nur um 10% mehr ansteckende Mutation mindestens den Herbst versaut, und auch den Sommer könnte es noch empfindlich treffen.

Man kann natürlich auch einfach hoffen, dass Deutschland mit einem blauen Auge davon kommt, dass wir von B.1.617.2 nicht so arg getroffen werden wie andere Länder, und einfach weiter lockern. Vernünftig scheint mir diese Strategie allerdings nicht.

Jetzt bei Öffnungen noch etwas Zurückhaltung zu üben – für 3-6 Wochen, bis wir mehr Informationen über die Mutation haben – würde uns m.E. viel mehr Handlungsoptionen für die Zukunft offen halten UND könnte uns gleichzeitig in den Niedrig-Inzidenz-Bereich bringen, der viele Schäden, Leid und Unglück vermeidet.

Author: Dirk Paessler

CEO Carbon Drawdown Initiative -- VP Negative Emissions Platform -- Founder and Chairman Paessler AG

3 thoughts on “Modellrechnung: Könnte uns B.1.617.2 den Sommer oder Herbst versauen?”

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